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Rose-Marie Bohle: Rede zur Eröffnung der Ausstellung "drunter und drüber" von Albrecht Letz am 16. Februar 2011 in der Kundenhalle der Kasseler Sparkasse in der Wolfsschlucht

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,
 
normalerweise muss man ja, um ein Drunter und Drüber zu erleben, in das Zimmer von pubertierenden Kindern gehen, vielleicht auch einen Blick auf den eigenen Schreibtisch werfen oder irgendein bestimmtes Foto auf dem Laptop suchen. Ich glaube, die Angst vor dieser Assoziation hatte Albrecht Letz, als wir diesen Titel der Ausstellung besprachen. Diese Angst ist natürlich, und das weiß, wer Albrecht Letz kennt, völlig unbegründet. Es muss hier also um etwas anderes gehen.
 
Gut, dann gehen wir mal im Hause Letz die Treppe hinunter in den Keller. Dort befindet sich das Atelier, auch das ist in der Regel aufgeräumt. Da liegt wirklich nichts rum, höchstens mal die Materialien und Gegenstände, mit denen Albrecht Letz gerade arbeitet. Fragt man ihn dann nach einem Bild aus einer der letzten Ausstellungen, dann kann es passieren, dass Sie die Antwort bekommen: „Ach das! Das gibt es nicht mehr, das habe ich übermalt. Das ist hier drunter.“ Und dann holt er eine der neueren Arbeiten hervor, man erkennt noch das alte Bild, man muss eine rapide Trauerarbeit leisten über das verloren gegangene Bild, um sich dann dem neuen zuzuwenden.
 
Aber es ist ja nicht weg, dieses alte Bild. Es ist nicht einfach recycelt oder aus Sparsamkeitsgründen verwendet, um Geld für eine neue Leinwand zu sparen – was bei manchen alten Meistern ja tatsächlich der Fall war. „Es hat mir nicht mehr gefallen, es wollte auch keiner“, sagt Albrecht Letz. Dann hat er es eben hergenommen und etwas Neues, oder genauer gesagt, etwas anderes daraus gemacht.
 
Warum macht er das? „Dass ein Bild auf Anhieb richtig sitzt, kommt eher selten vor“, sagt er. Dann geht es erst richtig los. Ein künstlerischer Prozess gehorcht nicht den Gesetzen eines Bildungsromans, ein Bild reift nicht Stufe um Stufe, er ist ein ständiges Oszillieren zwischen Gestaltung und Zerstörung. Er wechselt immer zwischen zustimmender Hingabe an das, was bereits entstanden ist und damit ein gewisses Eigenleben bekommt und dann wieder riskanter eigenwilliger Intervention.
 
„Dann ringe ich mit den Formen und Farben“, sagt Letz, „es ist tatsächlich so, obwohl ich dieses Wort zu pathetisch finde, ich kämpfe manchmal wirklich und nicht immer gewinne ich diesen Kampf!“ Dann lässt er das Bild ruhen, stellt es in die Ecke. Er schmeißt es nicht weg. Irgendwann wird er es wieder hervorholen und ihm eine neue Chance geben.
 
Meine Damen und Herren, das findet ja nicht nur im Atelier von Albrecht Letz statt. Ein Großteil unserer kulturellen Entwicklung besteht aus einem Drunter und Drüber. Ob Sie in die Philosophie schauen, in Naturwissenschaften, in die Soziologie, in psychoanalytische Theorien – immer gibt es ein Drunter unter einer neu eingeführten Kategorie oder einem neuen Paradigma. An den Stellen, wo Erklärungsversuche noch nicht richtig sitzen, um es mit den Worten von Letz zu sagen, wird weiter gedacht, weiter geforscht. Da, wo es Unzulänglichkeiten gibt, noch unaufgelöste Widersprüche, ein Rest von Unverständnis, wo die Wirklichkeit das Denken überholt hat, da wird das Denken vorangetrieben. Bis es richtig sitzt. Zu dem jeweils historischen Zeitpunkt jedenfalls. Mehr geht dann noch nicht.
 
Dass das gerade Aktuellste nicht immer seinen Status als ein Drüber zu erkennen gibt, sein Drunter also nicht sichtbar ist, liegt an einem gewissen Totalitätsanspruch, mit dem das Neue auftritt. Und natürlich in unserer Gesellschaft an einem Profilierungsdruck, der allzu oft das, woraus es sich entwickelt hat, über das Zitieren hinaus nicht wirklich würdigt, sondern abgrenzend und triumphierend hinter sich lässt.
 
Das ist bei Albrecht Letz anders. Das Alte darf sichtbar bleiben, manchmal erlaubt er, dass es noch an der Komposition des neuen Bildes einen bedeutenden Anteil behält, manchmal degradiert er es zu Schatten im Hintergrund, dann wieder ist es nur noch die reliefartige Oberflächenstruktur, die Letz beibehält.
 
Nehmen Sie etwa das Bild, das Sie bereits als Foto auf Ihrer Einladung kennen. Das, was als vager Hintergrund erkennbar ist, war mal ein anderes Bild. Albrecht Letz hat es in seiner ursprünglichen Komposition belassen, es ist die aufragende Form im Hintergrund, die sich oben gabelt. Andere in wildem Gestus hingeworfene Formen deuten das gestalterische Chaos an, das mal auf dem Bild herrschte. Nun hat Letz eine abgegrenzte klare schwarze Form davor gesetzt. Sie dominiert das ganze Bild, gibt ihm eine Mitte, verankert sich aber auch durch dünnbeinige Linien im Bildgrund. Die Massivität der Form wird aufgelöst durch die Spaltung – ein Rot drängt sich von unten hinein, verfehlt die obere rote Linie, die sich oben hinaus stülpt. Eine weitere waagerechte rote Linie begrenzt die Form unten, die, betrachtet man nur das Rot, nun wie auf einem Stachel balanciert.
 
Dann spielt Letz mit schwarzen Linien, sie umgarnen die massive Form. An der Seite bekommt eine Linie Stacheln, sie ragt über den Kokon hinaus ins alte Bild und setzt sich selbst einen dicken Schlusspunkt. Das ist, wenn man die gesamte Komposition betrachtet, eine wichtige Stelle, denn sie verankert nicht nur das neue Bild im alten, ohne sie wäre das alte Bild bloßer amorpher Hintergrund. Der Punkt bringt eine zusätzliche diagonale Dynamik in die Komposition, das können Sie beobachten, wenn Sie den Punkt verdecken, er schafft eine starke optische Verbindung über den Hintergrund zum Zipfel am der rechten unteren Ecke der schwarzen Form. Es bedarf also manchmal nur einer Winzigkeit, um in eine Situation oder eben in ein Bild eine neue Dynamik hineinzubringen, so dass es schließlich stimmt.
 
Ich bleibe noch etwas bei diesem Bild, denn auf ihm können Sie die Gestaltungsprinzipien der künstlerischen Arbeit von Letz gut erkennen. Nehmen Sie noch einmal diese dunkle Form. Man könnte sagen, sie bestehe aus einem monochromen Schwarz, aber wenn Sie genau hinschauen, dann erkennen Sie feine Farbdifferenzierungen. Wodurch entstehen sie?
 
Da, wo Letzt flächig arbeitet, bearbeitet er mit Schleifpapier und mit scharfen oder spitzen Gegenständen die Oberfläche. Er nimmt etwas weg


vom Farbauftrag, so dass das darunter Liegende wieder zum Vorschein kommt. Er verletzt die Oberfläche, sticht hinein, ritzt grobe Linien, schmirgelt und schleift ab, so dass das Monochrome vieler seiner Farbflächen eine in sich mehrfarbige Struktur bekommt. „Dann kann man wieder viel entdecken“, sagt Letz, die Flächen bekommen eine Lebendigkeit, die ihn fasziniert. Vorher hört er nicht auf.
 
Er kann seine Bilder so malträtieren, weil er nicht nur mit Farbe arbeitet. Er mischt in elastische Fußbodenfarbe Sand, das ergibt reliefartige Ober- flächen, manchmal erinnern sie an alte Fresken. Es sind Oberflächen, die nicht brechen, das Bild bekommt eine Dreidimensionalität, mit der Albrecht Letz weiter- arbeitet. So kann er tief einritzen, ohne gleich auf die Leinwand zu treffen oder das Bild gar zu zerstören.
 
Auch das Spiel mit den Linien sehen Sie in vielen seiner Arbeiten. Mal kräftig, mal in großer Zartheit. Sie sind so gut wie nie ursprünglicher Bestandteil seiner Kompositionen. „Ich komme vom architektonischen Bildaufbau her“, sagt er, was nicht bedeutet, dass er dreidimensional denkt oder plant, sondern in Feldern. Es ist eine z.T. strenge waagerechte und senkrechte „Felderung“, wie er es nennt. „Ich lege erst das Bild so an, und dann löse ich es wieder auf“, sagt Letz. Er löst es auf, indem er Begrenzungen aus der Waagerechten oder Senkrechten heraus kippt, strenge Felder in den Ecken abrundet, Flächen durch Spalten auftrennt. Manchmal lässt er aus den Flächen etwas herauswachsen in die Nachbarfelder, diese Bilder wirken dann tatsächlich sehr organisch.
 
Auch entstehen Durchdringungen einzelner Felder, die dann wie Schichtungen aussehen. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätten viele Bilder ein „Drunter“. Das ist insofern richtig, als es die Arbeitsweise von Albrecht Letz kennzeichnet, nämlich Schichten aufzubauen, um sie, wie bereits geschildert, immer wieder freizulegen.
 
Letz setzt aber auch auf die ursprüngliche „Felderung“ andere Formen, etwa solche, die am Rande ausfransen, manchmal abbröckeln, einzelne Brocken fallen ins Bild hinein, mal sehr zart, mal sich stark im Nachbarfeld behauptend.
 
Das Einsetzen von Linien hat in den letzten Jahren in den Arbeiten von Albrecht Letz eine zunehmende Bedeutung bekommen. Die Linien, besonders wenn sie rot sind, werden so etwas wie Markierungen, weisen auf früher angelegte Grenzziehungen hin oder fungieren selbst als eine neue Grenze. Dann sind sie Auffanglinien, bieten einem Auflösungsprozess Einhalt. Ganz selten haben sie einen zeichnerischen Duktus wie etwa in dem Bild mit den Mohnknospen.
 
Die Linien werden aber auch flächig als Schraffur eingesetzt - wie in dem Bild „Norwegen“, das Sie hier an der Seite sehen. Sie sind als Dynamik von Windrichtungen gemeint, in Erinnerung an einen Segeltörn in Norwegen. Die kleine schwarze und auf ihrem Rücken die weiße Form sind den luftigen Elementen ausgesetzt. Sie werden durch die roten Linien, angedeutete Segel, aber daran gehindert, in eine endlose Weite abzudriften. Hier wird an der grafischen Gestaltung deutlich, dass nicht der Wind, sondern die Segel den Kurs bestimmen.
 
Vielleicht möchten Sie wissen, was es mit dem unteren Teil des Bildes auf sich hat. Nach dem Segeltörn machte Letz eine Tour übers Land, er sah, wie aus noch teilweise schneebedeckten Feldern oben in den Bergen Norwegens schwarze von Nässe durchtränkte Erde hervorsah. Ein starker Gegensatz zu den sich grenzenlos ausweitenden Elementen von Wasser und Luft. Es ist still im unteren Teil des Bildes, trotz der starken Kontraste. Selbst diese rote Form, die mehrere Felder durchdrungen hat, um sich in einer Schicht einzunisten, hält still. Im oberen Teil gibt das Rot trotz seiner großen Zartheit einer dynamischen Lebendigkeit eine Richtung. Im unteren Teil nistet sich das massive Rot unangefochten in der Erstarrung ein. Es gibt solche Zustände, in denen das Lebendige - von diesem Bild her gesprochen - ruhen darf. Auch wenn es an anderer Stelle mächtig tobt.
 
In neuesten Arbeiten bestimmen Linien bereits das ganze Bild. Letz überzieht ehemals „gefelderte“ Bilder zunächst mit Farbschichten, dann mit senkrechtem Gestrüpp. In einem Bild wird es wie beim Zählen mit waagerechten Linien durchschnitten. Lebendigkeit entsteht – trotz des eisblauen Grundes – nicht nur durch die wilden Gesten, sondern auch durch die unterschiedliche Beschaffenheit der Linien: mal aufgetragen mit Farbe, mal eingeritzt als Vertiefung, mal freigelegt aus einer anderen Farbschicht. Assoziationen an winterliche Vegetation, in der sich das ungeordnet und planlos Gewachsene in seiner Kargheit zeigt, sind gewollt.
 
Da, wo Letz in einer weiteren Arbeit die Wirkung sorgsam gezeichneter und damit geordneter Linien ausprobiert, geht der Charakter des organischen Wildwuchses verloren. Letz nennt es denn auch „Hängende Fäden“.
 
Meine Damen und Herren, man fragt sich natürlich zu Recht, welches dieser Bilder, die heute in der Ausstellung zu sehen sind, den Status des „Drunter“ haben, welche in der nächsten Ausstellung also in einem völlig neuen Gewand daherkommen werden. Vielleicht die, in der Albrecht Letz die Auflösung total betrieben hat, in der weder strukturierende Felder noch markierende Linien eine Komposition erkennbar machen. Hier ist nur noch flimmernde Farboberfläche, in der man mit viel Geduld das drunter Liegende auffinden und feinste Strukturen ausmachen kann. Da ich beim letzten Atelierbesuch aber in zwei seiner allerneuesten Bilder, die hier noch nicht gezeigt werden, wieder figürliche Elemente ausgemacht habe, könnte ich mir vor- stellen, dass er sich über diese Bilder mit Leiden- schaft wieder hermacht, sobald sie zurückgekehrt sind.
 
Warten wir es ab. Und wenn Sie in der Zwischenzeit mal wieder das Zimmer Ihres Sohnes betreten, wenn Sie mal wieder einen Zettel auf Ihrem Schreibtisch oder ein ganz bestimmtes Foto auf dem Laptop suchen, denken Sie daran oder besser noch: hängen Sie sich ein Bild von Albrecht Letz in Ihre Wohnung, das Sie daran erinnert, dass sich alles irgendwann mal in einem produktiven Prozess von Auflösung und Gestaltung zu einem befriedigenden Ergebnis ordnen wird, das dann aber richtig sitzt!
 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Rose-Marie Bohle

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