A LB R ECH T   LETZ


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Rose-Marie Bohle: Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung „Formen Zeichen“ von Albrecht Letz in der Karl-Branner-Seitenhalle des Rathauses am 1. Juli 2004

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,
 
Es gibt Menschen, die verlassen das Haus durch den Haupteingang, werden gebührend verabschiedet und – durch die Hintertür wieder herein gelassen. Man könnte da eine gewisse Heimlichkeit vermuten – wäre da nicht dieses raumgreifende Gepäck, das Albrecht Letz mitgebracht hat. Es geht dabei also um etwas anderes. Es geht vielleicht um zwei völlig unterschiedliche Arbeitsprozesse, um den in einer Verwaltung und um den künstlerischen Schaffens- prozess.
 
Nehmen wir es auch als Bild, wie sich dieses künstlerische Schaffen im Menschen einen Weg bahnen mag: einen Weg durch die Hintertür des Bewusstseins, das vom ordnenden Wissen und vom machtvollen Willen besetzt ist. Das Verlangen nach kreativer und künstlerischer Tätigkeit macht sich bemerkbar als Unruhe, Sehnsucht, als Zugluft, wenn Sie so wollen – Albrecht Letz hat sich erst relativ spät in seinem Leben diesem Drängen hingegeben.
 
Kaum vorstellbar, ein Mann, der zielstrebig Berufsweg, Ehe und Familie plante, dessen Schreibtisch immer aufgeräumt war, ein Mann, der anstehende Aufgaben sofort in möglichst effektiver Weise erledigte, dieser Mann lässt sich plötzlich vor 13 Jahren darauf ein zu zeichnen und zu malen, später sammelt er mit Begeisterung verrottete Fragmente aus Blech, Eisen und Blei und fügt all diese Dinge in seine Bilder ein. Er treibt sich in den Hinterhöfen unserer Gesellschaft herum, er erliegt der Faszination eines kreativen Prozesses, von dem niemand am Fuß der Rathaus- treppe etwas ahnt.
 
Jeder Mensch hat Hintertüren, mehr oder weniger verschlossen, mehr oder weniger weit von seinem Haupteingang entfernt. Dahinter lagern Träume, ängste, Sehnsüchte, Liebe, solange wir uns noch kein Bild von ihnen gemacht haben. Da verkümmern vielleicht nicht genutzte Fähigkeiten und natürlich auch die sprichwörtlichen Leichen, die man längst im Keller gelagert geglaubt hat. Manchen Menschen gelingt es besonders gut, beide Türen zu nutzen, ja, sogar einen Raum zwischen beiden zu schaffen. Ihn mit Licht zu füllen, ist ein lebenslanger Prozess. Sprache und Kunst sind die großen Gehilfen dabei.
 
Kann man so weit gehen zu sagen, da, wo Albrecht Letz in seinem Leben, seiner Arbeit kein Chaos duldete, kein Ansetzen von Zersetzungsspuren, da drängt all das wieder heran, in fremden Koffern sozusagen, und der große Reisende ist drauf reingefallen, er hat sie geöffnet, Gott sei Dank, er hat sie geöffnet und Stück für Stück ausgepackt.
 
Dass er ein schier unerschöpfliches Potenzial da liegen hat, erleben wir heute wieder. Viele von uns haben seine früheren Ausstellungen gesehen, haben sich in seine Bilder eingesehen, in diese typischen schweren Bildtafeln mit eingearbeiteten Fundstücken aus aller Welt, in die Brauntöne, in die Kompositionen, die Raum ließen für das Entstehen eigener Geschichten. Heute kommen wir durch den Haupteingang, biegen um die Ecke in die Seitenhalle und sehen dann das hier!!! Was ist passiert?!
 
„Malen ist wundervoll“, stellt Hesse fest, „das befreit von der verfluchten Willenswelt.“ Von der Willenswelt also befreit, hat Albrecht Letz losgelegt. Wenn aber vor der Bühne des eigenen Lebens plötzlich die Sitzreihen weggeräumt sind, nicht weil die Zuschauer ausbleiben, sondern weil man das Haus gewechselt hat, dann ist es schwer, das eigene bekannte und eingeübte Stück zu spielen. Es verlangt eine Phase des intensiven Probens, der spielerischen Experimente, der Inspiration durch fremde Stücke, das Ausprobieren von neuen Requisiten, aber auch das Hervorholen längst vergessener Anfänge. All das sehe ich heute hier.
 
Als ich ihn fragte, wie es zu diesen neuen Bildern gekommen ist, da sagte er mir, er benutze nicht mehr diese schweren Haftputzuntergründe, er nehme all die Fundstücke nicht mehr als Ausgangspunkt seiner Bilder, überhaupt habe er sich von dem Konstruieren der Bilder befreit. Die Bühne wurde leer geräumt. Es war die Lust auf freie Bewegung, die Befreiung von schweren Gewichten und von Identifizierbarkeit.
 
Beginnen wir dennoch mit den Bildern, die wir von Albrecht Letz schon kennen. An ihnen können wir noch einmal die Faszination erleben, die das verwendete Material ausübt, die malerischen Spuren, die der Alterungsprozess auf Blei und Eisen hinterlassen hat. Hier sehen wir die klaren Kompositionen, die in ihrer schlichten Stimmigkeit in den Betrachtern je nach Zeitpunkt und Bedürfnis ganz unterschiedliche Gestalten und Szenen wachrufen.
 
Das Tier und die Marionette, dieses zugewandte Paar, die Marionette schon aus ihrer Halterung heraus, der Kopf des Tieres noch ausbalanciert auf langem Hals über dem eigenen Körper. Rechts daneben haben wir nun die Bescherung. Aus dem Paar sind drei geworden. Oder ist es ein Drillingsergebnis dieser Verbindung? Verspielt, am unteren Bildrand aufgesetzt wie bei Kinderbildern, ungeformt, würde man fast sagen. Wir suchen vergeblich nach bildfremdem Material, hier ist die Oberfläche, die wir sonst an den Fundstücken bestaunt haben, malerisch nachgeahmt, der Haftputz ist noch da, aber dann folgt nur noch Farbe. Farbe, abgeschliffen, drübergekittet, wieder Farbe, das Bild ist beinahe wie in einem Entwurfszustand. Es ist kein Entwurf geblieben dank der Gestalten, sie geben dem Bild den Charme, drei ausgestopfte Strümpfe, drei kleine Bären recken sich nach oben zur gebogenen Form.
 
Dies ist ein Übergangsbild. Ich wusste nicht, dass Albrecht Letz als Titel die Frage „wohin“ gewählt hatte. Hier finde ich den Titel sehr treffend.

Wir, die wir seit drei Ausstellungen an seine Bilder gewöhnt sind, müssen nun Albrecht Letz wieder ins Kinderzimmer seiner Kunst folgen, an Neuanfänge, Nachahmungen, Zartheiten und mutige Gehversuche. Wohin? Nun, zu den Bildern, die danach entstanden sind, sie hängen fortlaufend rechts daneben.
 
In den drei folgenden Bildern bricht sich die Lust an der Oberflächengestaltung wieder Bahn, aber Letz verwendet hier nicht mehr schweres Gips-Material, das vor der Weiterverarbeitung erst trocknen muss. Das hemmt in der Bewegungsfreiheit, das zwingt Geduld auf. Jetzt machen, schnell machen, es gibt noch so viel auszuprobieren! Albrecht Letz nimmt Wellpappe, Verpackungsmaterial, das man überall finden kann, zerreißt es, quetscht es, klebt es reliefartig auf, übermalt und überklebt es. Die grauen Formen erinnern zwangsläufig an seine Bleiplatten, dieses wunderbare sanfte Grau, hier eine Wanne aus drei Bögen, einfach nur Farbe, einmal drüber, kein Versuch, eine andere Oberfläche vorzugaukeln, hier wirkt die Material- oberfläche in ihrem Spiel von Rillen und Kratern, Geometrie und Chaos. Darüber die beruhigende Farbe, völlig unprätentiös, es lässt der Wirkung des Materials Raum. Und dem Rhythmus, den dieses Bild hat, dem großen gleichmäßigen Rhythmus der Formen über dem unruhigen Spiel von Licht und Schatten.
 
Eine Figur, eine Form kommt hinzu. Ein offener Kreis lehnt am stabilen Rechteck, begrenzt durch eindeutige Flächen. Andeutungen von Plastizität durch Farbe, nicht durch kompaktes Material. Wer die Anfänge von Albrecht Letz’ künstlerischem Schaffen kennt, sieht, dass er hier am stärksten an seine ersten Bilder anknüpft. Letz hat den Materialfundus für den Moment verlassen und wird wieder Schüler, Schüler auf dem Feld der Malerei. Nicht auf dem der Komposition, das kann er, so wie er selbst von sich sagt, er sei kein Maler, er sei vor allem ein Konstrukteur.
 
Aber was war aus seiner Lust an Farben geworden, an malerisch erzeugten Formspielen? Das darf jetzt wieder kommen. Nur für kurze Zeit, denn die Lust am Experimentieren treibt ihn weiter, es muss alles schnell gehen, er hat so viele Anregungen bekommen, es steht noch so viel vor seiner Hintertür, ach, eigentlich könnte ich doch mal sehen, was passiert, wenn ich das Material anbrenne, oh, es wölbt sich auf, legt dadurch Zwischenräume frei, da entstehen interessante Ränder, entbehrt nicht einer gewissen Dramatik, erzeugt überraschende Wirkungen, das ist gut, weg mit dem Willen, dem Unvorhersehbaren Raum geben.
 
Und plötzlich kehrt wieder Ruhe ein, der Haftgrund ist weg, keine Reliefs mehr, die blanke Holzplatte. Oh je! Was für eine Herausforderung! Ein „Schiff“ entsteht. Vorsichtige malerische Aufteilung des Hintergrundes: silbergrau links, blassgelb rechts. Material will da wieder drauf, leichtes, fügsam in den Händen des Gestalters. Ein altes Betttuch der Großmutter wird zerrissen, aufgeleimt, mit Leinöl getränkt. Vorher Löcher reingekokelt, die Brandspuren werden Farbfelder, hinterlassen markante Ränder.
 
Die linke Form kippt etwas nach rechts, die kleine rechte auch, die kleine rechte Form scheint sich der großen entgegen zu stellen, hält sie mit einer Linie auf Abstand, muss sich selbst aber auch auf einem Sockel ausbalancieren. Oder ist es eine Geste, mit dem Chaos links Kontakt auf zu nehmen? Zeichen finden sich auf der linken Seite, rätselhafte und erkennbare, wie hineingeschüttet in einen leeren löchrigen Sack, langsam sich am Boden sammelnd.
 
Zeichen auch in dem Bild „Der Weg“, aber hier mehr als Markierung, als Besitzergreifung von Feldern, die sorgfältig komponiert sind, ausgerichtet an einer Geraden, die von einer hellen Form ausgeht oder aber in ihr endet, sie steht auf festen Füßen, bildet dadurch ein stabiles Gegengewicht zu den aufgetürmten Formen. Faszinierend die Spannung zwischen den gewollt markierten Feldern und den Stellen, in denen das Material unvorhersehbar reagiert hat, die Spannung zwischen Beherrschung und Loslassen.
 
Beide Bilder sind für mich so etwas wie ein gestalterisches Lehrstück des Ausbalancierens: von Formen, in die nur sehr sparsam eingegriffen worden ist, die für sich genommen wenig Eigenheit haben – einerseits - und von massiv bearbeiteten Flächen andererseits, Flächen, die erst an diesen Formen und in dieser Balance eine eigene ästhetische Ordnung bekommen. M. a. W. es muss auch mal etwas leer bleiben dürfen, damit sich daran etwas sammeln und gestalten kann. Das gilt für Räume, das gilt für Zeit.
 
Das scheint mir in vielen der neuen Bilder Arbeitsprinzip von Letz zu sein, auch in den Tafeln, in denen sich die Pinselstriche zu massiven kalligraphischen Zeichen formen. Ausgeschüttete, hingeworfene Zeichen, die sich ihren Platz selbst suchen müssen, so scheint es, denn der Künstler hat es aufgegeben, ihnen seinen eigenen Willen aufzuprägen. Da ist die Hintertür mit Heftigkeit aufgerissen, fast wütend: dann macht doch mit mir, was ihr wollt!
 
Danach findet sich Albrecht Letz im Nachthimmel wieder. Hier ist alles wieder mit einem Augenschlag da. Ein Himmelsdschungel, hell hebt sich ein Engelshemd ab, schaurige Male an Schulter und Seite. Kleiner Mond über Sichel, ein witziges Zeichenspiel. Wir dürfen wieder unseren Geschichten lauschen, Albrecht Letz hat alles für uns schon zusammengefügt. Die Zeichen kommen zur Ruhe, ordnen sich ein, schweben beinahe auf der Oberfläche der letzten Bilder. Albrecht Letz ist wieder bei der Malerei angelangt.
 
Vogel flieg, heißt sein letztes Bild. Vogel flieg und lass alle bereits gemachten Bilder hinter dir zurück. Es gibt noch so unendlich viel zu entdecken! Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Copyright Rose-Marie Bohle (www.schreibmeisterei.de)
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