A LB R ECH T   LETZ


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Rose-Marie Bohle: Eröffnungsrede zur Ausstellung von Albrecht Letz in der Kirchlichen Fort-und Ausbildungsstätte in Kassel im November 2002

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Gäste,
 
ich habe Ihnen einen Laufsteg für die Kollektion in Blech und Blei gebaut. Wörtermodels werden Ihnen einzelne Stücke vorführen. Folgen Sie ihnen bitte und gehen Sie dann bitte selbst wieder zurück, zurück hinter den Vorhang Ihrer eigenen Imagination.
 
Ich sage es Ihnen gleich, es ist mein ganz persönlicher Laufsteg geworden, meine Verbindungen zu den Bildern. Und ich sage Ihnen auch gleich, ich werde vor allem über Liebe reden. Von diesem ersten Moment, in den Bann eines Anderen gezogen zu werden. Der ersten Phase intensiver Zwiesprache, die am Anderen entsteht, dort aber gar nicht ankommen wird. Dem stillen Schauen und das Andere einfach so sein lassen, ohne sich seiner zu bemächtigen, sei es begrifflich oder in der Vorstellung. Wenn Ihnen das in einer Ausstellung passiert, dann haben Sie Ihr Lieblingsbild gefunden.
 
Wenn Sie also immer wieder hingehen müssen, um sich dem Geheimnis des Anderen auszusetzen, das es ausstrahlt. Wenn Sie es vermissen, wenn sie es nicht sehen. Wenn Sie ruhig werden, wenn es da ist. Ich werde also auch über Paare reden.
 
Ich habe vor einem Jahr zu den damaligen Bildern von Albrecht Letz gesprochen. Da ging es vor allem um komplementäre Beziehungen, um Gegensatzpaare in einer polarisierenden Ordnung, um zwei Hälften einer als Einheit gedachten und zusammengefügten Figur. Als ich diese Bilder zum ersten Mal sah, habe ich etwas Neues entdeckt, oder sagen wir, diese Bilder haben mir die Augen für etwas Neues geöffnet: für eine Paarbeziehung, in der beide sich gestatten, die eigene Wirkung am Anderen zu entfalten. Dadurch entstehen viele Geschichten, solange, wie diese Paarbeziehung dauert.
 
Nehmen wir diese beiden Bilder („Hängend“ und „Tier“): Auffällig ist gleich – im Unterschied zu seinen früheren Bildern, die Sparsamkeit der Komposition. Eine zarte Geste einer Anordnung, die mich an ein Spiel erinnert: da liegen Formen, die kann ich beliebig wie in einem Tangramspiel ausprobieren – und genau so experimentiert Albrecht mit den Fundstücken. Der Untergrund und der Hintergrund ist behutsam, zartes Rosa, eine hautähnliche Fläche, auf der das eingefügte Blei fast transparent wirkt. Oder umgekehrt, der Hintergrund durch das kühle glatte Blei erst wie eine organische Haut wirkt, eins gibt dem Anderen die Eigenart seiner Beschaffenheit.
 
Eine verletzbare Figur entsteht, eine Marionette mit traurigen Knopfaugen, der Kopf ist größer als der Leib, die Verbindung zwischen Kopf und Körper ist aus einem anderen Material mit einer anderen Farbigkeit, das muss so sein, das Bild hat da sein Aufmerksamkeitszentrum, in einer Verbindung, die die Trennung erst bewusst macht. Es gibt hier nicht das Entweder-Oder, das ist die Grenze unserer zweiwertigen Logik.
 
Die Marionette war vielleicht mal an dem Stab aufgehängt. Das obere Stück hat da vielleicht mal reingepasst. Nun ist der Stab rausgerutscht oder die Figur hat sich nach vorn bewegt, in Richtung des anderen Bildes – das macht diese beiden Bilder zu einem Paar. Die Figur ist nicht mehr gehalten, aber sie bleibt trotzdem oben. Eine Angst, aber auch ein Versprechen entsteht, dass man nicht kollabiert, auch wenn der ursprüngliche Halt verlorengegangen ist.
 
Wichtig ist hierbei, dass der Stab am unteren Bildrand aufsitzt, d.h. selbst einen Halt hat. Es ist dieses kleine Stück, das noch angefügt ist, es hat eine starke Verbindung zur Welt außerhalb des Bildes. Der Halt ist für die Marionette nur materiell verlorengegangen, nicht von dem aus, was wir an Spannung in dem Bild sehen: die Figur und der Stock bleiben aufeinander bezogen. Und so treffen in diesem Bild zwei Arten von Verbindungen zusammen: eine hervorgehoben stoff- liche und eine, nennen wir es mal energetische.
 
Vielleicht darf ich das mal an dieser Stelle einfügen, dass die Geschichte der Wahrnehmung und Beschrei- bung des Nichtstofflichen eine der spannensten Geschichten in der menschlichen Evolution ist. Wo Bewusstsein nicht hinreichen will, springt die Kunst ein.
 
Bleiben wir noch einen Moment bei der Marionette: Wenn ich sie das nächste Mal anschaue, sind die Augen vielleicht gar nicht traurig, sondern listig, um die Ecke schauend, neugierig. Und wenn man genau hinschaut, dann ist da noch ein kleiner runder Mund in der unteren linken Ecke, der ein erstauntes oh formuliert. Staunen gehört zur Liebe. Es ist der Beginn einer neuen Gier. Und die Neugier ist der Beginn eines Erkenntnisprozesses. Sie erkannten einander, steht in der Bibel.
 
Hier geht Albrecht Letz zurück zu einer Einfachheit, die was Archaisches hat. Ein Zurückkehren zu der Einfachheit und damit zu dem Vertrauen, dass nicht alles, was ich sagen und zeigen will, bis ins kleinste Detail gesagt und gezeigt werden muss, damit es gehört wird, damit es in einer sezierenden Welt Bestand hat. Zu dem Vertrauen, dass ich mich nicht bis ins kleinste Detail zeigen muss, denn mein Gegenüber vervollständigt mich in seinem Bild. Ich gestatte es.
 
Der einfache ausgestopfte Wollstrumpf war in frühen Jahren eine Puppe, die dem Kind in jeder Situation anders geantwortet hat. Der einfache Stock war ein Schwert, der Ausdruck der Stärke und Macht des kleinen Jungen war, mit dem er all seine Feinde und Angreifer in die Flucht geschlagen hat! Nein, nicht Ausdruck, das ist eher ein Wort aus der waffenstrotzenden Erwachsenenwelt: der Stock hat dem kleinen Jungen gesagt, dass er stark und mächtig ist! Und deshalb brauchte er nichts weiter.
 
Auf wen richtet sich dieses Bild? Auf das links neben ihm. Auch diese Figur ist in sich schon gedoppelt: Kopf und Rumpf, auch diese Figur hat eine immanente Trennung und Verbindung. Mit der hält sie sich selbst im Gleichgewicht ohne einen Bezug auf ein Drittes. Es ist ein ausbalancierendes Gleichgewicht, kein statisches. Die Figur füllt den Bildraum auf eine sehr einfache organische Weise, die schwere Form unten, die gerichtete etwas kleinere Form oben. Wenn der Kopf zu schwer wird, kann er sich auf den Rumpf legen, die Figur kann sich zusammenfalten, der Rumpf hat Standfläche genug. Wenn sie sich wieder aufrichtet und sich der Marionette zuwendet, bildet sich ein Bogen, der vom Hals des Tieres zum Stock der Marionette führt. Das ist eine starke offene Verbindung.
 
Es könnte eine Induktionsliebe sein. Wenn der eine sich bewegt, springt es zum anderen über und umgekehrt. Jeder ist ein eigenes ‚System‘, das ist die Voraussetzung. Wenn beide stehenbleiben, ist die Verbindung unterbrochen.
 
Es sind Traumfiguren, archaische Traumfiguren. Zwischen beiden entstehen Geschichten, im Morgengrauen, am zarten Anfang der Welt oder des Tages, Geschichten, die mir erzählt werden, mir, die ich längst den ausgestopften Strumpf oder den Stock aus der Hand gelegt habe. Deshalb brauche ich solche Bilder.
 
Zum ausgestopften Strumpf zurückkommen bedeutet auch: nach Haus kommen. Ein Paar sein: am Anderen nach Haus kommen. Nicht wirklich – es ist, als käme man nach Haus. Das zu wissen, bewahrt die eigene Einzigartigkeit und die des Anderen.
 
„Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus
flog durch die stillen Lande
als flöge sie nach Haus.“
 
Albrecht Letz hat diese 3. Strophe von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ so berührt, dass er dazu ein Bild machen wollte, wie er mir gesagt hat. Nicht diese beiden! Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen einem Illustrator und einem Künstler. Albrecht Letz ist kein Illustrator. Das Bild „Mondnacht“ mag zwar im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Lesen des Gedichts entstanden sein, aber ich denke, dass diese Strophe ihre Wirkung in anderen Bildern entfaltet hat, ohne dass Albrecht Letz es gemerkt hat oder genauer, ohne dass er es wollte. Kunst machen ist am wenigsten intentionales Handeln. Ich glaube, es ist die Fähigkeit, sich der Wirkung von etwas hinzugeben, das ich nicht selbst kenne, das durch mich aber einen Ausdruck findet. Insofern ist Kunst eine Schwester der Liebe.
 
Aber gehen wir doch zur „Mondnacht“: Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich den Titel und den Anlass des Bildes nicht kannte, als ich es zum ersten Mal betrachtete. Ich will Ihnen sagen, wie ich es gesehen habe: Am Anfang stand nur die Faszination von einer kleinen Einzelheit. Es ist dieses mittelgroße Stück Blech, das schräg links über der runden Form vorm hellen Rechteck sitzt. Es ist wunderschön in seiner Einmaligkeit, in seiner Farbigkeit und seinen Spuren, wie Falten und Narben, Spuren der Alterung, die entstanden sind, als es Sonne, Wind, Regen und der Luft ausgesetzt war. In Südafrika übrigens, denn die Blechteile, die Sie auf diesem Bild sehen, sind alle aus Südafrika mitgebracht.
 

Diesmal nicht von Albrecht selbst, der, wie er sagt, seine Stücke gern in den Schmuddelecken der Städte sucht, sondern von einer Verwandten, die sie im Handgepäck transportiert hat – und auch nicht zufällig, sondern mit der festen Absicht, sie Albrecht zur Verfügung zu stellen. Sie hat sich in Südafrika bereits gebückt, um ein Stück eines potentiellen Kunstwerks aufzuheben. Oder sagen wir es so: Albrecht Letz‘ Bilder haben den Blick derer verändert, sie sie gesehen haben. Der Deckel eines alten Fasses, Sparren, verrostete Eimer verlangen plötzlich eine Aufmerksamkeit, sie werden neu gesehen in ihrer Möglichkeit, Teil eines Kunstwerks zu werden. Nimm mich mit, sagen die Gegenstände in Märchen. Und wehe dem, der daran vorbeigeht!
 
Welt wird nicht nur durch fortschreitendes Bewusstsein und Taten verändert, sondern auch durch anderes Sehen. „Einen Menschen zu lieben, heißt, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint haben könnte.“ Dieser Satz von Dostojewski fiel mir wieder ein, als ich daran dachte, wie viele Menschen sich inzwischen für Albrecht nach verrosteten Blechen bücken, weil sie sie so sehen, wie Albrecht Letz sie als Künstler sehen würde, d.h. sie in den Rang eines Kunstwerks heben würde.
 
Im übrigen muss ich gestehen, dass ich eigentlich nicht weiß, warum mich gerade dieses Stück fasziniert. Ich weiß nur, wie es mich fasziniert: ich möchte einfach immer nur hinschauen, ohne dass eine Geschichte entsteht, einfach nur, weil es wunderschön ist, ich will nichts entdecken, höchstens etwas wiederfinden.
 
Das Stück hier ist ohne das ganze Bild nicht zu haben. Und da wird die ganze Unruhe wach, die in diesem Bild enthalten ist: Andere Blechstücke stürmen auf mein Faszinosum ein, behaupten sich im hellen Durchblick, die große runde Form schafft es nicht, das Ganze zu ordnen, also wird es noch mal durch einen starken dunklen Rahmen zusammengehalten, der ist aber gar nicht so stark, also wird er noch mal durch eine kleine Schräge im Bild gehalten, das ist aber wieder übermalt, damit es nicht so auffällt, eine unruhige Mondnacht, in der der Mond aussieht wie ein Totenschädel und das Objekt meiner Anziehung aus dem starken Mittelfeld der hellen Flächen ausbricht. Aber nicht so weit ausbricht, als dass es noch den Widerschein der geweißten Fläche des Mondes bekommt. Es ist nicht herauszutrennen, auch nicht durch mein Sehen, es ist nicht ohne das Ganze zu haben. Und natürlich hat auch das sehr viel mit Liebe zu tun.
 
Dieses Bild mag an die Gedichtstrophe erinnern, mit ihr verbunden sein. Aber vielleicht auf eine ganz andere Weise, als man erwarten mag. Ich muss an die Frau am Fenster von Caspar David Friedrich denken. Sie ist von hinten zu sehen, im Fensterausschnitt – unten fährt still ein Schiff vorbei.
 
Gehen wir zu einem anderen Paar. Im Unterschied zum ersten hier besprochenen Paar fällt auf, dass beide Bilder unterschiedlicher nicht sein können. Hier würde ich sogar behaupten, dass das eine kleine Bild allein existieren könnte, das andere aber noch nicht. Aber nehmen wir es als Zusammengehörige. Im linken Bild noch ungestaltete Fläche. Ungestaltet in dem Sinne, dass es noch nicht seine Einzigartigkeit herausgebildet hat. Das muss nicht heißen, dass es eine Ordnung haben müsste oder etwas, was man identifizieren könnte. Es bleibt einfach unbestimmt.
 
Im rechten Feld ragen kleine Formen heraus, für sich genommen auch keine charakteristischen Formen. Es sind Abfälle, bei Neuverlegungen von Straßenbahn- schienen werden die Schienen entgratet, das sind diese kleinen Teile. Sie sind so angeordnet, als wollten sie aus dem Unbestimmten heraus an den Bildrand oder ins nächste Bild. Dabei nehmen sie noch Spuren ihrer Herkunft mit: die rote Farbe zieht mit nach rechts. Und wenn Sie so wollen, sehen wir einen schwachen Abglanz der geröteten Fläche auf dem Hintergrund des anderen Bildes. Es ist natürlich unzulässig, so etwas zu sagen, genau so unzulässig wie die Behauptung, dass die kleinen rostigen Formen im Gelenk der rechten Figur im rechten Bild landen werden. Unzulässig, weil es von Albrecht Letz nicht so angelegt war.
 
Aber es ist vielleicht so wie mit dem Magnetismus: Eine Anziehungskraft, die erst bemerkt wird, wenn sich zwei Materien einander nähern, die aufgeladen sind – oder eben, von denen nur eins aufgeladen ist und das andere die Eigenschaft hat, sich anziehen zu lassen. Das rechte Bild ist aufgeladen. Deshalb kann es dem Linken eine Ordnung geben. Ich will jetzt nicht auf diese wunderschönen Einzelstücke auf diesem Bild eingehen, ich will beide zusammen sehen, den Rhythmus von auf und ab, der da entsteht, fast wie eine Wellenbewegung, aber auch die Störung, die Gefahr der Verletzung durch diesen dünnen Strahl, der vor dem Eingang des Winkels Halt macht. Die beiden Türme halten sich mühsam aufrecht, es ist eine fragile Konstruktion, aber gerade deshalb fasziniert es.
 
Der rechte Aufbau scheint schon wegzubrechen, man könnte meinen, deshalb heisst das Bild der Sturz, aber es war anders gemeint, es war ursprünglich auf dem Kopf, waren als zwei Beine gemeint, aber die Eindeutigkeit ließ kein Geheimnis mehr, deshalb stellte Albrecht Letz es auf den Kopf. Deshalb der Sturz. Er hatte Recht damit. Manchmal muss man eine andere Perspektive zulassen, damit es stimmiger wird. Oder damit sichtbar wird, dass es ein Geheimnis gibt.
 
Ich würde gerne noch noch kurz auf zwei Bilder eingehen. Das eine ist das Bild, das Albrecht Letz „Pendel“ genannt hat: Lassen Sie mich mit dem Bildgrund beginnen: auch er ist nicht mehr gestaltet wie in seinen früheren Bildern. Was aber nicht heisst, dass er unbearbeitet wäre. Im Gegenteil, er hat die Oberfläche des Haftputzes aufgekratzt, eigentlich ein kraftvoller fast wütender Prozess, der Spuren hinterlässt, so als wolle er in kurzer Zeit dem Material das aufprägen, was bei den Fundstücken Einwirkung eines langen Prozesses war. Eines Prozesses, an dem am Ende die „schamlose Schönheit des Vergangenen und Weggeworfenen“ steht, wenn ich das in Anlehnung an Christina von Braun mal so sagen darf.
 
Albrecht Letz sagte mir, dass er dabei von den Wänden des Südens inspiriert wurde, Terrakotta- wänden, die das üppige Licht aufnehmen, ohne zu blenden. Sie sind rauh, so dass sich das Licht vielfältiger in ihnen bricht. Wenn Sie diesen Hintergrund ganz genau betrachten, dann sehen Sie eine verhaltene, aber sehr lebendige Farbigkeit. Wände des Südens sind ja immer auch ein Ausdruck der Wärme und Lebensfreude.
 
Albrecht Letz bringt also nicht nur Fundstücke von seinen Reisen mit, sondern auch Inspirationen, die einen Kern aus Sehnsucht haben mögen.
 
Vor der Wand steht, sie steht in diesem Fall wirklich, eine Figur. Ein Pendel, sagt Albrecht Letz. Eine majestätische Form, sagt mein Auge, ruhig und majestätisch. Aufrecht und stark. Mühelos vervoll- ständigt sie das Auge zu einer Skulptur. Wenn wir den Lebenslaufsteg ablaufen würden, dann würden wir sie im vermutlich in der Mitte des Lebens finden, nicht im Morgengrauen wie die beiden anderen Figuren oder gar in der Nacht.
 
Sie steht etwas im Gegenlicht, dadurch wird die skulpturale Eigenwirkung der Fundstücke noch verstärkt. überhaupt ist das eine der deutlichen Veränderungen in den Bildern seit dem letzten Jahr: die Fundstücke sind nicht Teil eines sie umgebenden Kontextes, der insgesamt durchgestaltet ist, sondern entfalten eine ganz eigene Wirkung.
 
Man geht nicht mehr im Bild spazieren, folgt Linien, geht von einem Farbfeld ins nächste, sondern das ist mit einem Mal da, es steht wirklich da und kommt einem fast entgegen. Eine klare Komposition, die nicht mehr erfasst werden muss, wenn Sie so wollen. Sie strahlt eine ungeheure Selbstverständlichkeit aus, auch wörtlich zu verstehen, ich stehe hier selbst, schau mich an oder auch nicht, ich werde nicht durch dich, ich bin bereits da. Ich bin schon zwei. Meine Farben braun und blaugrün wiederholen sich im Stand und im bewegenden Teil. Nein, nicht wiederholen, denn die rauhe Oberfläche im Pendel lässt die Farben anders wirken als die glatte hier unten. Manchmal, wenn das Pendel zurückschwingt, bin ich wieder eins. Eine Induktionsliebe in mir selbst.
 
Wissen Sie, sagt es, ich kann hier so selbstgenügsam stehen, weil ich andere Bilder im Blick habe. Ich schaue z.B. seit Tagen auf diesen Nachtvogel dahinten, Albrecht Letz nennt ihn Nachtvogel. Es könnte doch auch ein Engel sein, ein Engel mit geschundenen Flügeln, er fliegt schon lange, er wacht schon lange, stemmt fest seine Flügel zur Seite, dieser tapfere Vogelengel mit seinen bröckeligen Flügeln, Schutzengel, der genau in der Mitte steht vor einem Kreuz – und bildet doch in sich selbst auch ein Kreuz. Er taucht von unten in ein bläulich-rotes geweißtes Licht ein, ein vorgeburtliches Licht, taucht aus der Nacht auf in einen zarten Sonnenaufgang.
 
Hier ist mein Laufsteg wieder am Anfang eines Tages angekommen. Und auf dem ganzen Weg habe ich im Grunde das Echo nur einer einzigen Frage gehört: Wie bringt ein Mensch sich mit dem zusammen, was er liebt?

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