A LB R ECH T   LETZ


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Rose-Marie Bohle: Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Albrecht Letz am 15. März 2009 in der Anwaltskanzlei Pfeiffer, Ehret, Müller-Göbel und Schöller in Kassel

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,
 
im Leben wie in der Kunst nehmen wir manchmal das Risiko auf uns, etwas radikal zu verändern, es vielleicht sogar zu zerstören, damit etwas Neues entstehen kann. Weil das Alte nicht mehr stimmt, lassen wir uns von etwas leiten, das Neues verspricht.
 
So hat Albrecht Letz 2007 begonnen, systematisch schon fertige Bilder zu übermalen, zunächst mit einem einförmigen Gestus: Streifen für Streifen hat er Bilder mit einem Gitter überzogen, sie beinahe weggesperrt, wir haben sie auf der letzten Ausstellung in seinem Haus gesehen. Im Übermalen ist er fortgefahren. Wobei er Bilder gewählt hat, die eben keiner wollte, wie er sagte, die auch für ihn nicht wichtig genug waren, sie so zu erhalten, wie sie waren. Aber er hat sich ihrer angenommen: hat alte Schichten wieder frei gelegt, hat besonders farbige Flächen überspachtelt, hat Kontraste abgemildert. Die Konturen sollten nicht mehr so hart im Bild stehen, hat er mir anvertraut , er habe ein Bedürfnis gehabt, dezente und edle Bilder zu machen.
 
Mir kam es so vor, als sei es in Albrecht Letz’ neuen Bildern leiser geworden. Viele von Ihnen haben ja seinen Prozess verfolgt: da waren diese schweren Bilder voll von starken Material- und Farbkontrasten: verrostete Eisenfragmente, glatte Bleiplatten, rauer Haftputz, leuchtendes Orange, tiefes Blau, warmes Gelb, schwarze Konturen. In der Ausstellung „Bildwuchs“ im Gewächshaus sind wir mit vielen Bildern konfrontiert worden, in denen er mit der Farbe Schwarz experimentiert hat. Aber auch schon mit Bildern, die den Beginn dieser Phase darstellten: die Reduktion von Farbigkeit auf eine begrenzte Palette zwischen grauweiß und schwarz, vorsichtig abgemischt mit anderen Farben. Und da, wo noch figürliche Elemente seine Bildtafeln überzogen, ist auch das jetzt reduziert.
 
Was bleibt noch? Edle Farbkombinationen, große Flächen, die nur in sich eine Differenzierung haben, in ihrer reliefartigen Oberfläche und in den zarten Abstufungen eines einzigen Farbtons. Es sind keine leeren Flächen, es sind Flächen, in denen ein Bild zur Ruhe kommt. Wer sich hinsetzt, um zu meditieren, um von allen Eindrücken leer zu werden, der erlebt ja eine überraschung: ein Rauschen fast, wenn man aufhört, etwas von dem, was einem durch den Kopf geht, identifizieren und festhalten zu wollen. Es ist eine andere Art von Fülle, die sich einstellt, wenn man sich hingibt.
 
Stellen Sie sich vor eins der Bilder mit solchen Flächen. Das monochrome Farbrauschen wird unterbrochen durch kantig hervorstehende Staccati, immer wieder durch verdichtende Crescendi, wir bemerken aber auch dunkel unterlegte Töne, die in Resonanz mitschwingen wie ein Bordun. Es sind eben Farbtöne, die in diesen Bildern die Harmonie bestimmen, nicht mehr wie in den früheren Bildern der Ausgleich von Flächen und kräftigen Farben.
 
Es ist also doch nicht still geworden in Albrecht Letz’ Bildern. Wir sind nur in einem anderen Konzert. Heavy metal war der Beginn, präsentiert er uns jetzt Kammermusik mit meditativen Elementen?
 
Der Komponist dieser Bilder ist sich durchaus treu geblieben, Albrecht Letz bleibt gut erkennbar. Sein blockartiger Bildaufbau, ab und an eine radikale Trennung von Flächen, seine Liebe zu haptischen, also greifbaren Oberflächen, das Arbeiten in Schichten, diese Lust am Spachteln, wieder Abschleifen, erneut Auftragen, Einritzen, das alles haben wir in vielen dieser Bilder auch wieder. Vieles wirkt jetzt freskenhaft, d.h. wo früher die verrosteten Eisenstücke von Vergangenem zeugten, strahlen jetzt wie verblichen und abgebröckelt wirkende Oberflächen Geschichte aus.
 
In den übermalten Bildern haben wir noch die textilen Materialien, mit denen Albrecht Letz lange Zeit experimentiert hat. In den neuen Bildern verwendet er nur noch Sand, in verschiedenen Körnungen und Farbtönen, er mischt ihn mit pastöser Wandfarbe oder elastischer Fußbodenfarbe und erhält so feine bis grobe Oberflächen. Alles andere an Oberflächenbeschaffenheit ist nicht mehr das Ergebnis eines Materialeinsatzes, sondern seine Gestaltung mit diesen Farben.
 
Dabei ist Albrecht Letz nicht zur völligen Abstraktion übergegangen. Es gibt immer noch Anklänge an Figürliches, Gegenständliches, aber eben so, dass sie ganz verschiedene Assoziationen auslösen können, man sozusagen immer zwischen Identifizierung und Abstraktion hin und her pendeln kann. Da entdeckt man eine Nische mit Flaschen und anderen Behältern, den Zipfel eines zerplatzten Luftballons, einen Maulwurf mit roten Ohren, einen Bären auf einem Skateboard. Es sind heitere Gestalten, die als solche nicht gemeint waren, sie drücken aber die Stimmung aus, die die Bilder erzeugen.
 
Ich möchte kurz über einige Bilder sprechen. In dem Bild „Rechteck in Weiß“ wirkt eben dieses kleine Rechteck wie eine Nische in einer alten, abgeplatzten Wand, angefüllt mit Behältern: ein Stillleben, das aber bereits genau so verblasst ist wie seine Umgebung. Im oberen Teil des Bildes wölben sich Formen, sie sehen aus wie nur teilweise abgezogene Tapeten, deren Ränder Schatten werfen. Und wie in Abbruchhäusern scheint auch dieses Bild eine Geschichte zu erzählen, nicht laut, sondern als Hauch von Erinnerungen.

Das Bild „Flechten“ erinnert an die Farbfotografien von Robert Baumgärtel, dem Vorgänger dieser Ausstellung, in denen er den Mikrokosmos von Roststellen festgehalten hat. Albrecht Letz hat das Bild in Erinnerung an die Flechten auf den Steinen im Himalaya gemalt, mir kommt es sehr archaisch vor, fast wie diese Figuren von Dubuffet. Es ist eins seiner Männchen, die immer wieder in seinen Bildern vorkommen. Hier ist es eins auf einem Seil, Annegret Letz sieht darin ein Skateboard. In diesem Bild wirkt eine Farbe sehr stark, die Albrecht Letz in seinen neuen Bildern noch zulässt: es ist ein Rot, hier abgemildert in warme Rotbrauntöne. Es ist eins der heitersten Bilder, nicht nur in Anklang an unsere Assoziationen, sondern auch von seinem Aufbau her: das Leichte trägt das Schwere. Das geht.
 
Albrecht Letz lässt sich oft von ganz konkreten Erlebnissen inspirieren: wie in dem Bild „Nelken“, das er nach dem Besuch des Tanzstückes „Nelken“ von Pina Bausch gemalt hat. Im linken unteren Teil zartrosa Nelken, darüber eine stilisierte Andeutung einer tanzenden Figur. Hervorstechend ist dieser senkrechte Graben im Bild, das beide Hälften radikal zu trennen scheint. Verrückterweise tut es das nicht. Vielleicht durch seine Ausbuchtungen und Ausläufer in beide Richtungen. Der Graben scheint das Zarte zu schützen, der rechte Teil wird zu einer sehr stabilen Masse von Gesteinsschichten, die die Zartheit der Bewegungen noch verstärkt. Organisches Leben in Rot, Rosa und zartem Grün neben anorganischen Schichten, die immer wieder einer Bewegung ausgesetzt sind. Ein sehr poetisches, fast märchenhaftes Bild.
 
Die Farbe Rot spielt eine herausragende Rolle in dem Bild „Der blaue Baum“. Wieder haben wir hier wie in vielen Bildern eine leicht schräge horizontale und eine vertikale Aufteilung. Im linken Teil ungestaltete dunkle Flecken, die sich unten sammeln. Sie werden unten strukturiert durch senkrechte rote Linien. Eine Linie reckt sich nach oben und bekommt dadurch in fort gedachter Bewegung einen Kontakt zu den anderen horizontal verlaufenden roten Linien, dadurch entsteht eine dynamische Bewegung von links unten nach rechts oben. Zwei kleine rote Striche ziehen den Bogen wieder nach unten, hin zu der kompakten rot durchbrochenen Fläche. Der Kreis hat sich geschlossen, die Bewegung vollendet.
 
Albrecht hat das Bild „Blauer Baum“ genannt. So sieht man plötzlich einen Baum mit Wäscheleine, ein dicker schiebt sich vor, links fallende Blätter, die sich praktischerweise gleich in einem Kompostbehälter sammeln. Na ja und unterm Baum treibt ein Maulwurf mit roten Ohren sein Unwesen. Er stößt sich seine Nase an einem unterirdischen Steinhaufen wund.
 
Und jetzt üben Sie sich bitte darin, wie bei einer Meditation, diese Szenerie wieder zu vergessen, das Bild als abstrakte Komposition zu sehen, dann sehen Sie die Feinheiten der Gestaltung, sehen z.B., wie sich die dunklen Flecken in den hellen im Baumstamm wiederholen als Negativform, sehen die Farbtöne und genießen einfach diese wunderbare Komposition.
 
Und da ich darum gebeten wurde, meine Rede so kurz wie möglich zu machen, komme ich bereits zum Schluss. Hinter mir hängt „Norwegen“, das wohl eleganteste Bild, das Albrecht Letz jemals gemalt hat. Es ist, wie der Name andeutet, 2008 nach einem Segeltörn in Norwegen entstanden. Im oberen Teil des Bildes flüchtig angedeutete Umrisse eines Segels, mit Graphit nachvollzogene Bewegungen von Wellen und Gischt. Sonst Weite, die Weite des Meeres, die unendlich erscheinen muss, wenn man Tag und Nacht auf einem winzigen Boot zubringt. Und wie die Landratte sagt, mein Gott, wie langweilig, tagelang nur Wasser, so sehen die Segler die feinen Unterschiede: unterschiedliche Wellenformationen, Windrichtungen und Windstärken, wechselnde Lichtverhältnisse und Stimmungen. Dem ist die malerische Ausarbeitung des Hintergrundes geschuldet, alles andere ist vor allem eine grafische Gestaltung.
 
Nach dem Segeltörn hat Albrecht Letz eine Tour übers Land gemacht. Es lag Schnee, da, wo er weggetaut war, war die Erde tief schwarz. Ein rotes Band kommt aus dem Schwarz, überquert die Kälte und schmiegt sich wieder ins Schwarz. Es ist eine im wörtlichen Sinne eindringliche Form, aber sie zerstört dabei nichts, sondern verbindet und gibt der ganzen Komposition blutrotes Leben. Wasser auf Erde, Stabilität unten, Bewegung oben. Und obwohl in diesem Bild das Schwere unten ist, hat man den Eindruck, dass es durch die Kraft der Leichtigkeit in dieser großen Fläche nach oben gezogen wird. Ein kleines Stück Schwarz ist ja auch oben schon angekommen.
 
Meine Damen und Herren, natürlich sind auch all diese Bilder wieder der Gefahr ausgesetzt, verwandelt und damit auch zerstört zu werden. Es gibt also praktisch nur eine Möglichkeit, sie zu retten: sie dürfen nicht wieder zurück kommen in Albrecht Letz’ Atelier, wie auch immer.
 
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
 
Rose-Marie Bohle


Copyright Rose-Marie Bohle (www.schreibmeisterei.de)
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