A LB R ECH T   LETZ


Startseite     Vita     Gedanken     Ausstellungen     Galerie     Kontakt/Impressum

Rose-Marie Bohle: Rede zur Eröffnung von „Bildwuchs“ von Albrecht Letz am 8. Oktober 2006 im Gewächshaus der ehemaligen hessischen Gartenakademie in Kassel

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,
 
Als ich zum ersten Mal diesen Ort betrat, dachte ich, manchmal braucht es die Leere, damit etwas Neues entstehen kann und damit Dinge anders gesehen werden können.
 
Vielleicht hat Albrecht Letz eine Leere empfunden, als er seine Tätigkeit als Leiter des Gesundheitsamtes aufgab. Er reist nach Burma und er reist nach Griechenland, er reist nach Peru und er fährt nach Berlin und er macht mit seinem Sohn Pläne für die Erneuerung seiner Terrasse und er reist in den Rheingau, er wendet sich noch stärker dem kulturellen Leben zu und er wandert in den Alpen und er genießt die nachbarschaftlichen Kontakte und die Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern und er reist nach Sizilien und er lädt massenhaft Freunde ein zu seinen Reisebildershows, er geht wieder und wieder in Ausstellungen und er plant die Erneuerung seines Badezimmers und er plant die nächste Reise.
 
Zwischendurch geht er immer wieder in sein Kelleratelier und malt, baut Rahmen für Hartfaserplatten, malt, klebt textile Materialien auf, die er vorher angekokelt hat, bespannt Rahmen mit Leinwänden, malt, streicht mit Leim vermischten Sand auf die Leinwände, spachtelt, bricht Stellen aus der Oberfläche von Bildern, malt ganze Flächen wieder über, überzieht Bilder mit Lack, bespannt wieder Rahmen mit Leinwänden und malt und zeichnet hinein und bringt auf der Oberfläche Kratzspuren auf, er wagt es, Schrift ins Bild zu setzen. Er lässt sich von der Farbe Schwarz in den Bann ziehen, probiert gewagte Farbkombinationen aus, er wendet seine ganze Aufmerksamkeit einzelnen kleinen Stellen im Bild zu, er spannt eine sehr große Leinwand auf einen sehr großen Rahmen, nicht ohne vorher die Transportmöglichkeit gleich mit zu konstruieren, er komponiert mal streng, dann erlaubt er sich Chaos, er beendet ein Bild mit nur einer minimalistischen Form, dann wieder treibt ihn irgendetwas zum Experimentieren mit neuen Materialien, er begießt ein Bild mit geschmolzenem Wachs, kehrt wieder zu fertig geglaubten Bildern zurück und setzt noch mal neue Akzente, er wählt figürliche und organische Formen, kehrt auch noch mal zu seinen früheren Materialien zurück und arbeitet mit einem verrosteten Blech und großen Bleiplatten.
 
Und dann kommt er rauf, ruft mich an und sagt, ich will wieder eine Ausstellung machen! Er wollte das mit einer solchen Bestimmtheit, dass ich später dachte, in der Kunst ist es vielleicht so wie in der Natur: irgendwann muss man sagen, jetzt ist es reif, jetzt muss geerntet werden, egal, wie es gewachsen ist!
 
Das Wichtigste, was seine Bilder jetzt noch brauchen, sagte Albrecht Letz, sei Licht, und was lag da näher, als in ein großes leer stehendes Gewächshaus zu gehen. Und schon als wir es besichtigten, da war es schon kein Gewächshaus mehr, da wurde es in der Vorstellung zur Galerie, zur Bühne für seine Bilder, mit morbiden schwarzen Theatervorhängen an den Seiten, orangener Himmelsbespannung, Bildaufhängungsvorrichtungen und vor allem – man spürte die Großzügigkeit eines Raumes, der sich einem solchen Experiment nicht verschließt.
 
Und als alle Bilder hingen, über den leeren Beeten, im Blick immer die technische Konstruktion des Gewächshauses, oder hinten etwas versteckt im dagebliebenen Grün, da sah ich, dass wir nicht nur einen ungewöhnlichen Ort für eine Ausstellung gewählt haben, eine Kulisse für die Bilder, sondern dass die Bilder auch einen anderen Blick auf die Eigenheiten dieses Ortes ermöglichten. Die verschiedene Farbigkeit der Erde, die z.B. mit dem Bleibild hier vorn harmoniert, die Senkrechten, Waagerechten und Diagonalen der Konstruktion, die sich in Beziehung setzen zu Linien und Flächen in Albrecht Letz Bildern, das pathetische Schwarz der Folien, die im Wechselblick mit den schwarzen Bildern eine eigene Ästhetik bekommen - es erlaubte eine neue Art von Seh- und Entdeckungslust.
 
Wir kennen es, dass Alltagsgegenstände in Kunst umgedeutet wurden, ob das nun die Badewanne war, eine große Treppe oder kleine ready mades. Hier aber wird eine Kulisse für die Kunst umgedeutet, allerdings nicht so radikal, dass der Ort seine ursprüngliche Bedeutung als Gewächshaus völlig verloren hätte. Er überträgt sie auf das Werk und provoziert Fragen an seine Entstehung, und vor allem: er stellt den uns selbstverständlich gewordenen unversöhnlichen Gegensatz von Kunst als Gemachtes und Natur als Gewordenes in einem Gesamtbild in Frage.
 
Ich bin froh, dass sich Albrecht Letz auf dieses Experiment eingelassen hat. Denn jeder Künstler hat Angst, dass sein Werk nicht richtig oder genügend wahrgenommen wird, dass etwas von der Aufmerksamkeit ablenkt. Unser Kulturbetrieb hat lange geglaubt, ein Kunstwerk könne nur an weißen Wänden in Galerien oder Museen hängen, die vielleicht den Versuchsanordnungen in einem Labor entsprechen: nichts lenkt ab, es geht nur um das von allen Umgebungen isolierte Kunstwerk.
 
Bilder in einem ungewöhnlichen Kontext zu zeigen, ist ein Spiel, das der Kunst selbst zu eigen ist: es spielt mit unseren fest gelegten Erwartungen und eröffnet neue Perspektiven: auf das Kunstwerk und den umgebenden Raum.
 
Wir leben in fest gelegten Kontexten und mit festen Erwartungen, und wir nehmen Bilder einordnend in gewohnten Zusammenhängen wahr. Wir sehen Bilder auf dem Hintergrund unserer inneren Kontexte und Erwartungen. Wenn also jemand vor dem größten von Albrecht Letz Bildern steht und sagt, schau mal, eine Blume an einem Stängel, und der nächste sagt, nein, das ist doch ein Baum und der Dritte geht ein paar Schritte zurück und sagt, siehst du denn nicht, dass das ein Hügel ist, an den terrassenförmig flache Häuser gebaut sind und die Vierte sagt, ich sehe da aber Beine einer liegende Frau, da links ist doch der Schuh mit einem Absatz – also dann haben alle dasselbe Bild gesehen, aber jeder hatte ein unterschiedliches Bedürfnis, es als etwas zu identifizieren. Der Künstler kann nichts mehr dagegen machen, muss er auch nicht, denn er hat damit die Welt nicht um ein Bild bereichert, sondern um viele.
 
Denn das Bild, Kunst, zeichnet sich dadurch aus, dass es sich einer Identifizierung entzieht. Wir müssen nur auf sie verzichten, ein kurzes Innehalten, eine Leere, die sich wie Ratlosigkeit und Verwirrung anfühlt, aushalten, um sich einfach nur vom Gesehenen ergreifen zu lassen, damit etwas überraschend Neues entstehen kann. Damit können wir spielen, ausprobieren, auch andere Möglichkeiten denken.
 
Die meisten Menschen lieben keine Überraschungen. Deshalb hat es die Kunst so schwer.

Für viele, die die Bilder von Albrecht Letz aus den vergangenen 15 Jahren kennen, ist es eine Überraschung, dass er in den Bildern, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind, viele fast monochrome schwarze Farbflächen gestaltet. Er ist dem Geheimnis der schwarzen Farbe nachge- gangen, wie er sagt, hat ihre Wirkung auf verschie- denen Oberflächen sehen oder besser noch erleben wollen, Oberflächen, auf denen Formgebungen nicht ablenken, er hat entdeckt, dass es sehr wohl eine Farbe ist mit vielen Abstufungen und Schattierungen, auch, wenn man andere Farben behutsam beimischt. Er verwendet Schwarz für geometrische Konstruktionen, dann lässt er sie explodieren in ausgefransten Flecken, möchte man fast sagen, denn sie entziehen sich jeder identifizierbaren Form.
 
Beruhigter wirkt die Farbe in den organischen Formen. Er legt mit feinen weißen Strichen ein Netz über schwarze Flächen, er stellt dem Schwarz farbige Flächen an die Seite, dann wieder überzieht er es mit einer kalligraphischen Geste. Ich finde, hier sind es Nachtschattengewächse.
 
In dem Bild, was er Sichel genannt hat, scheint sich noch eine frühere Phase hineinzudrängen: da schieben sich zwei helle Flächen ins dunkle Bild, die an die früheren Arbeiten erinnern, einige davon sind auch noch in dieser Ausstellung zu sehen. Die hellen Flächen wirken wie abgebröckelte verputzte Wandstücke, aber auch wie ein Scheinwerferkegel, mit einem kleinen Zipfel drückt sich die helle Fläche ins Mondfeld und die Sichel weicht zurück. Die Sichel verbindet die rote Linie in einem Bogen und verbindet damit auch die Senkrechte, die in der oberen Hälfte durch die hellgraue Linie aufgehängt ist.
 
Dies ist ein Bild, in dem die Handschrift von Albrecht Letz wieder sehr deutlich ist: Aufteilung der Fläche, Balance herstellen durch schräg gestellte Linien oder Flächen, das zur Ruhe Kommen in einem Schwerpunkt und in der gesamten Komposition.
 
Das Bild Plattenlandschaft gehört auch noch in diese Zeit, es ist wie eine Momentaufnahme, in der sich Flächen mit mächtiger Kraft aufeinander zu bewegen, manche werden aufgehalten durch starke rote Linien, die abrupt abbrechen oder sich langsam auflösen. Die starke senkrechte Achse wird in einer fast transparenten Fläche zurück genommen, sie bekommt Unterstützung von der darunter liegenden hellbraunen Linie. Und wenn man es weiter betrachtet, dann entdeckt man auch hier eine kleine Sichel, runde Monde oder Sonnen spiegeln sich, kurz, es ist mal wieder ein Letz’sches Universum, in dem viel herumschwirrt, sich starke Formen behaupten, Linien eine Ordnung herstellen und in dem ein vollkommenes Gleichgewicht hergestellt ist – auch in der Farbgebung.
 
Aber man denke nun nicht, dass sich Albrecht Letz auf dieses Universum festlegen ließe. Hinten zwischen den Pflanzen hängt ein Bild, Knospe, das in seiner frischen Farbigkeit ebenso wie die Nachtschattengewächse eine Überraschung ist. Die starke rote Mittelachse ist mehrfach gebrochen, heraus drängt eine im Stängel geknickte Knospe, ein Quertrieb wächst nach rechts unten. Die Formen wirken wie ausgeschnitten, sehr konturiert. Daneben die beiden ungeheuer dynamischen Figuren, und wenn wir einen Sprung in diesen Eingangsbereich machen, dann haben wir den nahezu völligen Verlust von Formen und Konstruktionen.
 
Das alles ist in drei Jahren entstanden. Albrecht Letz ist auch innerhalb seines Gestaltungsdrangs und seiner Ausdrucksmöglichkeiten viel gereist.
 
Wie entsteht Bildwuchs? Vom Wildwuchs zumindest wissen wir, dass er entsteht, wenn man etwas in Ruhe lässt, das bedeutet aber auch, dass man es nicht kultiviert und kultivieren heißt wörtlich nichts anderes als beackern. Kunst gehört zur Kultur. Bei der letzten Documenta glaube ich, gab es ein Kunstprojekt am Gleis 1. Pflanzen wuchsen dort, die sonst nicht vorkommen in dieser Gegend. Ihre Samen waren mit den Zügen aus dem Osten in den Bahnhof getragen.
 
Hundertfache Eindrücke, Gefühle, nicht Gelebtes, gesehene Farben und Formen legen die Saat für neue Kunstwerke. Kreuzungen entstehen zwischen Bildern. Das sieht jemand, der z. B. sagt, oh, das erinnert mich an Picasso – wobei man sagen muss, dass Picasso fälschlicherweise für so manche Züchtung herhalten muss. Die Entstehung der Saat ist unkontrollierbarer Wildwuchs. Er macht sich bemerkbar als Unruhe, Schaffensdrang sagte man früher.
 
„Die Besessenheit dauert Monate“, sagte Louise Bourgeois, „dann verschwindet sie, um erst nach Jahren wieder aufzutauchen.“ Und an anderer Stelle bekennt sie: „Zwischen der ersten kreativen Vorstellung und dem fertigen Werk liegt eine lange Zeitspanne; oft dauert es Jahre.“ Dazwischen liegt Weitermachen, Experimentieren, übung, alles Zulassen, was gemalt, gezeichnet, zerstört oder gestaltet werden will.
 
„Es braucht eben immer eine gewisse Anlaufzeit“, schreibt der junge Anselm Kiefer in sein Tagebuch, „ man muss nur, bis es soweit ist, fortwährend arbeiten, ohne Rücksicht auf das, was dabei herauskommt (.), damit man bereit ist für die Zeit, die nachher kommt. Ein Bild anzufangen kostet immer überwindung. Dann geht es von allein weiter.“
 
Auch für ein Kunstwerk gibt es wie bei Pflanzen einen richtigen Zeitpunkt auszutreiben. Bei Pflanzen wissen wir, dass wir sie in der Kälte draußen nicht aussäen können, deshalb gibt es Gewächshäuser. Bei der Kunst kennen wir den richtigen Zeitpunkt nicht. Deshalb kann man als Künstler immer nur weiterarbeiten, um im inneren Gewächshaus die besten Bedingungen für das Saatgut zu schaffen – und sich selbst überraschen lassen, wenn es auf einmal treibt. Dann kann man loslegen, egal, wo man sich gerade befindet, ob im Keller, zwischen zwei Reisen oder hundertfachen Plänen. Das Ergebnis sehen wir heute, an diesem Erntetag.
Rose-Marie Bohle


Copyright Rose-Marie Bohle (www.schreibmeisterei.de)
(www.kunstkehre.de)
(Zum Ausdrucken bitte auf "Seite einrichten" und "Querformat" gehen!)