A LB R ECH T   LETZ


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Rose-Marie Bohle: Eröffnungsrede zur Ausstellung von Albrecht Letz in der Kanzlei WP/StB Dr. Zimmermann in Kassel 2003

Meine Damen und Herren, liebe Gäste,
 
manchen Menschen bringt man Blumen mit, anderen eine gute Flasche Wein oder Pralinen. Wenn Sie zu Albrecht Letz gehen, dann bringen Sie ihm am besten alte Fundstücke aus Blech oder Holz, aus Eisen oder Blei mit, je rostiger und verrotteter um so besser, denn dann werden sie höchste Inspirationsquelle für ihn – und sie wecken in ihm die unbändige Lust, mit diesen Fundstücken künstlerisch zu experimentieren. Einige Ergebnisse sehen Sie in dieser Ausstellung.
 
5500 km von hier bückt sich ein Mann und hebt eine verrottete Blechdose auf, steckt sie in den Rucksack und schleppt sie mit nach Haus. Jemenitische Kinder wundern sich, daß ein Europäer ihren achtlos weggeworfenen Abfall aufhebt. "Die halten mich wahrscheinlich für verrückt," kommentiert Albrecht Letz. Der Europäer packt seinen Rucksack im Keller wieder aus, klopft die Dosen platt, bearbeitet sie aber nicht bis zur Unkenntlichkeit, denn, so sein Arbeits- prinzip, er lässt sichtbar, was mal anders war, auch hier, man sieht noch arabische Schriftzeichen, aber sie haben keine inhaltliche Bedeutung mehr, sondern nur noch eine ästhetische Funktion. Braune Rostspuren, grüne Emaillefarbe, weiße Grundierung.
 
Albrecht Letz hat einen Gegenstand in einen völlig anderen Kontext gestellt, die Spuren seiner Geschichte und die seiner Herkunft erscheinen als Geheimnis, als Rätsel, und es ist m.E. tatsächlich nicht wichtig, woher all die verrosteten Materialien oder Elemente kommen, ob aus dem Jemen oder Südafrika, von der Frankfurter Straße oder aus einem Hinterhof in Kassel. Ich meine, es ist nicht wichtig für das Bild, es sagt aber viel über den Künstler aus, über seine Obsession zu wandern, über seine Neugierde auf fremde Kulturen und seine Fähigkeit, sich inspirieren zu lassen von Dingen, die ihm in Schmuddelecken ins Auge springen. Wichtig ist die Patina, die Ablagerungen, die Spuren der Zeit, der Zerstörungen und Veränderungen, die Albrecht Letz inspirieren.
 
Das war bei seinen Bleibildern noch anders, obwohl es sich dort schon angekündigt hatte. Da hat er auch Materialien in ungewöhnlicher Weise kombiniert, feinen weißen Sand mit Blei, eine wunderschöne und edle Kombination, erst in dieser Komposition sind beide Materialien faszinierend geworden, das schwere Blei hat am Sand eine Leichtigkeit bekommen, die sich auch in den Formen wiederholt. Das Glatte am Rauhen, die weiche glatte Fläche an winzigen harten Körnern. Letz hat das Gestalten mit Sand aufge- geben, weil die Bilder zu instabil gewesen seien, weil sie 'gebröckelt' haben. Das kommt mir jetzt fast paradox vor, denn das würde bedeuten, dass er an seinen Werken die Spuren von Vergänglichkeit und Zerstörung nicht zulassen will und kann, er baut seine Bilder fortan wuchtig und stark und versiegelt sie mit Lack für eine Ewigkeit. Der Zeitstrom ist darin aufgehalten, auch der Verfallsprozess.
 
In den Tafeln hier, möchte man die großen Bilder fast nennen, hat er Haftputz verwendet, eine Art Gips, sehr schwer, sehr haftend, eine Masse, in die er seine Fundstücke hineindrücken kann, ein stabiles Bett für die Stücke nach einer langen Reise durch Raum und Zeit. Ein stabiles Gegengewicht gegen Zerfall, Verrottung und Vergänglichkeit. Hier kann man an den Stücken entlang wandern. Verrostete Oberflächen, Splitter, Sprünge, Falten, Einkerbungen, Spuren gewaltsamer Bearbeitung in die gewollte Form.
 
Es ist ein gut geordnetes Bett. Klare Kompositionen, die sich vor allem an der Waagerechten und der Senkrechten orientieren, sich manchmal zum Kreuz treffen oder in den verschiedenen Bildebenen von Vorder- und Hintergrund zusammenkommen. Zaghaftes Ausweichen der strengen Komposition in einer sanften Kurve oder da, wo es das Material vorgibt. Ganz selten gibt es einen klassischen Spannungsaufbau durch eine diagonale Gliederung. Die Spannung liegt in dem zufällig gefundenem Material und seinem durchkomponierten Haftgrund, in den Oberflächen der Fundstücke. Spannung erzeugen aber auch ausgefranste Ränder, abgesprengte Teile, die die komponierte Ordnung vorsichtig stören.
 
Das ist lebendig, Lebendigkeit, die aber zur kontemplativen Ruhe kommen darf: alles ist ja gut aufgehoben in einer starken bildnerischen Ordnung. Auch im Rhythmus können wir ja zur Ruhe kommen, einer lebendigen Ruhe, es ist die Erfahrung einer vertrauten und tröstlichen Wiederkehr eines Musters, das alles andere trägt.
 
Nehmen wir dieses Bild „Aufsteigend“: Fast ein goldener Schnitt, Proportionen, die ruhig machen, Schwere, die auf einem hellen leichten Quadrat ruht. Im Zentrum ein wie aufgeklapptes Blech, nach unten rechts hell weitergeführt, nach oben links dunkel weitergeführt. Alles ist im Gleichgewicht, ausbalanciert, selbst der farbliche Hintergrund ist absolute Ergänzung: das komplementäre Orange und Blau. Ein Stück Draht hält die dunkle aufsteigende Form zurück, gleichzeitig zusammen, da kann jetzt nichts mehr absprengen. Es vollzieht aber auch die unmerkliche Krümmung des oberen Teils, so viel darf noch sein. Hier in diesem Bild ist wirklich alles auf seinem absolut richtigen Platz. Das macht seine Anziehungskraft aus, denn diese Stimmigkeit ist ein Stück Utopie, die Aufhebung von Gegensätzen in Komplementäres, also sich Ergänzendes, das Ausbalancieren von Kräften, die in verschiedene Richtungen streben, das Anbieten einer Ordnung und das Mitgehen als Schutz.
 
Das ist vielleicht überhaupt das utopische Versprechen eines gelungenen Werkes: die innere Spannung kann noch so groß sein, sie darf sogar Dramatik enthalten, aber das Werk muss sie zu einer Auflösung in dem Sinne führen, dass alles an seinem richtigen Platz ist. Alles wird wieder gut. Ich werde mich mal an dem richtigen Ort befinden, wo ich hingehöre, alles in mir wird dort sein, wo es hingehört, ich sehe ja, dass es das gibt.
 
Ging es in vielen Bildern von Letz vor allem um komplementäre Beziehungen, um in Balance gebrachte Gegensatzpaare, habe ich in späteren Bildern etwas Neues entdeckt, oder sagen wir, haben mir einige der späteren Bilder die Augen für etwas Neues geöffnet: für eine Paarbeziehung, in der beide sich gestatten, die eigene Wirkung am Anderen zu entfalten.
 
Nehmen wir die beiden Bilder "Hängend" und "Tier": Auffällig ist gleich – im Unterschied zu seinen früheren Bildern, die Sparsamkeit der Komposition. Eine zarte Geste einer Anordnung, die mich an ein Spiel erinnert: da liegen Formen, die kann ich beliebig wie in einem Tangramspiel ausprobieren – und genau so experimentiert Letz mit den Fundstücken. Der Untergrund und der Hintergrund ist behutsam, zartes Rosa, eine hautähnliche Fläche, auf der das eingefügte Blei fast transparent wirkt. Oder umgekehrt, der Hintergrund durch das kühle glatte Blei erst wie eine organische Haut wirkt, eins gibt dem Anderen die Eigenart seiner Beschaffenheit.
 

Eine verletzbare Figur entsteht, eine Marionette mit traurigen Knopfaugen, der Kopf ist größer als der Leib, die Verbindung zwischen Kopf und Körper ist aus einem anderen Material mit einer anderen Farbigkeit, das muss so sein, das Bild hat hier sein Aufmerksam- keitszentrum, in einer Verbindung, die die Trennung erst bewusst macht. Es gibt hier nicht das polari- sierende Entweder-Oder, hier ist eine Grenze unserer zweiwertigen Logik dargestellt.
 
Die Marionette war vielleicht mal an dem Stab aufgehängt. Das obere Stück hat da vielleicht mal reingepasst. Nun ist der Stab rausgerutscht oder die Figur hat sich nach vorn bewegt, in Richtung des anderen Bildes – das macht diese beiden Bilder zu einem Paar. Die Figur ist nicht mehr gehalten, aber sie bleibt trotzdem oben. Eine Angst, aber auch ein Versprechen entsteht, dass man nicht kollabiert, auch wenn der ursprüngliche Halt verlorengegangen ist. Wichtig ist hierbei, dass der Stab am unteren Bildrand aufsitzt, d.h. selbst einen Halt hat. Es ist dieses kleine Stück, das noch angefügt ist, es hat eine starke Verbindung zur Welt außerhalb des Bildes. Der Halt ist für die Marionette nur materiell verlorengegangen, nicht von dem aus, was wir an Spannung in dem Bild sehen: die Figur und der Stock bleiben aufeinander bezogen. Und so treffen in diesem Bild zwei Arten von Verbindungen zusammen: eine hervorgehoben stoffliche und eine, nennen wir es mal energetische.
 
Bleiben wir noch einen Moment bei der Marionette: Wenn ich sie das nächste Mal anschaue, sind die Augen vielleicht gar nicht traurig, sondern listig, um die Ecke schauend, neugierig. Und wenn man genau hinschaut, dann ist da noch ein kleiner runder Mund in der unteren linken Ecke, der ein erstauntes oh formuliert. Staunen gehört zur Liebe. Es ist der Beginn einer neuen Gier. Und die Neugier ist der Beginn eines Erkenntnisprozesses.
 
Hier geht Albrecht Letz zurück zu einer Einfachheit, die was Archaisches hat. Ein Zurückkehren zu der Einfachheit und damit zu dem Vertrauen, dass nicht alles, was ich sagen und zeigen will, bis ins kleinste Detail gesagt und gezeigt werden muss, damit es gehört wird, damit es in einer sezierenden Welt Bestand hat. Zu dem Vertrauen, dass ich mich nicht bis ins kleinste Detail zeigen muss, denn mein Gegenüber vervollständigt mich in seinem Bild. Ich gestatte es.
 
Der einfache ausgestopfte Wollstrumpf war in frühen Jahren eine Puppe, die dem Kind in jeder Situation anders geantwortet hat. Der einfache Stock war ein Schwert, der Ausdruck der Stärke und Macht des kleinen Jungen war, mit dem er all seine Feinde und Angreifer in die Flucht geschlagen hat! Der Stock hat dem kleinen Jungen gesagt, dass er stark und mächtig ist! Und deshalb brauchte er nichts weiter.
 
Auf wen richtet sich dieses Bild? Auf das links neben ihm. Auch diese Figur ist in sich schon gedoppelt: Kopf und Rumpf, auch diese Figur hat eine immanente Trennung und Verbindung. Mit der hält sie sich selbst im Gleichgewicht ohne einen Bezug auf ein Drittes. Es ist ein ausbalancierendes Gleichgewicht, kein statisches. Die Figur füllt den Bildraum auf eine sehr einfache organische Weise, die schwere Form unten, die gerichtete etwas kleinere Form oben. Wenn der Kopf zu schwer wird, kann er sich auf den Rumpf legen, die Figur kann sich zusammenfalten, der Rumpf hat Standfläche genug. Wenn sie sich wieder aufrichtet und sich der Marionette zuwendet, bildet sich ein Bogen, der vom Hals des Tieres zum Stock der Marionette führt. Das ist eine starke offene Verbindung.
 
Es könnte eine Induktionsliebe sein. Wenn der eine sich bewegt, springt es zum anderen über und umgekehrt. Jeder bleibt ein eigenes 'System', das ist die Voraussetzung. Wenn beide stehenbleiben, ist die Verbindung unterbrochen. Es sind Traumfiguren, archaische Traumfiguren. Zwischen beiden entstehen Geschichten, im Morgengrauen, am zarten Anfang der Welt oder des Tages, Geschichten, die mir erzählt werden, mir, die ich längst den ausgestopften Strumpf oder den Stock aus der Hand gelegt habe. Deshalb brauche ich solche Bilder.
 
Zum ausgestopften Strumpf zurückkommen bedeutet auch: nach Haus kommen. Ein Paar sein bedeutet: am Anderen nach Haus kommen. Nicht wirklich – es ist, als käme man nach Haus. Das zu wissen, bewahrt die eigene Einzigartigkeit und die des Anderen.
 
Wenn Sie noch zuhören können und wollen, würde ich zum Schluss noch einmal zurückgehen zu dem großen Bild "Pendel". Lassen Sie mich mit dem Bildgrund beginnen: auch er ist nicht mehr gestaltet wie in seinen früheren Bildern. Was aber nicht heißt, dass er unbearbeitet wäre. Im Gegenteil, er hat die Oberfläche des Haftputzes aufgekratzt, eigentlich ein kraftvoller fast wütender Prozess, der Spuren hinterlässt, so als wolle er in kurzer Zeit dem Material das aufprägen, was bei den Fundstücken Einwirkung eines langen Prozesses war.
 
Albrecht Letz sagte mir, dass er dabei von den Wänden des Südens inspiriert wurde, Terrakottawänden, die das üppige Licht aufnehmen, ohne zu blenden. Sie sind rauh, so dass sich das Licht vielfältiger in ihnen bricht. Wenn Sie diesen Hintergrund ganz genau betrachten, dann sehen Sie eine verhaltene, aber sehr lebendige Farbigkeit. Wände des Südens sind ja immer auch ein Ausdruck der Wärme und Lebensfreude. Letz bringt also nicht nur Fundstücke von seinen Reisen mit, sondern auch Inspirationen, die einen Kern aus Sehnsucht haben mögen.
 
Vor der Wand steht, sie steht in diesem Fall wirklich, eine Figur. Ein Pendel, sagt Letz. Eine majestätische Form, sagt mein Auge, ruhig und majestätisch. Aufrecht und stark. Mühelos vervollständigt sie das Auge zu einer Skulptur. Sie steht etwas im Gegenlicht, dadurch wird die skulpturale Eigenwirkung der Fundstücke noch verstärkt. Man geht nicht mehr im Bild spazieren, folgt Linien, geht von einem Farbfeld ins nächste, sondern das ist mit einem Mal da, es steht wirklich da und kommt einem fast entgegen. Eine klare Komposition, die nicht mehr erfasst werden muss, wenn Sie so wollen. Sie strahlt eine ungeheure Selbstverständlichkeit aus, auch wörtlich zu verstehen, ich stehe hier selbst, schau mich an oder auch nicht, ich werde nicht durch dich, ich bin bereits da. Ich bin schon zwei. Meine Farben braun und blaugrün wiederholen sich im Stand und im bewegenden Teil. Nein, nicht wiederholen, denn die rauhe Oberfläche im Pendel lässt die Farben anders wirken als die glatte hier unten. Manchmal, wenn das Pendel zurück schwingt, bin ich wieder eins.
 
In diesem Bild deutet sich ein übergang zu einer weiteren Entwicklung in Albrecht Letz‘ Werken an – der übergang zu seinen wunderbaren Skulpturen. Sie sind heute nicht zu sehen. Sie haben hier keinen Platz gefunden. Wenn Sie neugierig sind, besuchen Sie ihn doch einfach. Und vergessen Sie nicht, ihm was mitzubringen – Sie wissen schon was.

Copyright Rose-Marie Bohle (www.schreibmeisterei.de)
(www.kunstkehre.de)
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