A LB R ECH T   LETZ


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Rose-Marie Bohle: Eröffnungsrede zur Ausstellung von Albrecht Letz im Landgericht Kassel am 16.Januar 2019

Schaurig, meine Damen und Herren, liebe Gäste, lieber Albrecht Letz, schaurig - dieses alte Wort sprang mich an, als ich allein vor den Bildern im Kelleratelier saß.
    "Oh schaurig ist's übers Moor zu gehn,
wenn es wimmelt vom Heiderauche,
sich wie Phantome die Dünste drehn
und die Ranke häkelt am Strauche."
    Das Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff bin ich nicht mehr los geworden, wie der Knabe, der ängstlich mit der Fibel in der Hand das Moor überquert, "rennt, als ob man es jage", so habe ich plötzlich auf vielen Bildern das "starrende Gestumpf" am Ufer erblickt, das "Geröhre", das die dunkle Fläche überzieht.
    Ist auch hier die Natur sich selbst überlassen geblieben? So wie in der Stadt Pripiat in dem floralen Bild von Albrecht Letz aus dem Jahre 2017? Es war entstanden unter dem Eindruck eines Berichts über die evakuierte Stadt nahe dem ehemaligen Atomkraftwerk Tschernobyl, einer Stadt, verlassen und sich selbst überlassen, die überwuchert wird von wilder Vegetation.
    Ist in diesen aktuellen Bildern ein anderer Prozess gemeint? Ein sehr langfristiger, der die Vegetation unter dem Einfluss von Wasser langsam und stetig zersetzt und in eine Moorlandschaft verwandelt - ein Prozess, der völlig anders ist als der, der unter der großen Hitze einer atomaren Explosion in Gang gesetzt wird. Und Wasser wird auch in anderen Bildern von Letz eine Rolle spielen.
    Vergänglichkeit, dieses Wort hat Letz immer wieder gebraucht. Vergänglichkeit, die durch technologische Hybris und einem brutalen Verwertungsprozess enorm beschleunigt wird, ist in diesen Bildern nicht mehr zu entdecken. Es sind organische Verwesungsprozesse, die einem Knaben im Moor wohl Angst machen kann, denn er weiß noch nichts vom Vergehen. Oder davon, dass Vergehen nicht Verschwinden oder Auslöschen ist, sondern Transformation.
    Wir stehen einstweilen noch am Rand des Moores, am sicheren Ufer, geschützt durch das weiße Gestrüpp, können den Blick streifen lassen über eine dunkle, mal ölig schimmernde, mal lehmig dunkelgelbe Fläche, auf der sich noch Reste von farbiger Vegetation behaupten. Sind dort schwarz vermoorte Blüten oder sind es reflektierende Schatten des unschuldig weißen Geblütes am Ufer? Sind sie das memento mori wie in vielen Stillleben alter Meister? Wenn es so wäre, dann aber nicht als erhobener Zeigefinger des Imperativs "Gedenke des Todes!", sondern als etwas, das uns so unweigerlich und selbstverständlich erwartet, wenn wir unsere Schritte weitergehen.
    Man folgt einem seltsamen Sog, der in allen Blütenbildern zu spüren ist. Mal in die Höhe, mal in die Tiefe eines Hintergrundes, mal in eine Höhle. Wie in dem Bild, das auch auf der Einladung zu sehen ist: hier geht der Blick vom farbigen heiteren Blütenfeld einmal in die Weite, eine Weite, die unbestimmt und neblig hell bleibt. Dann aber wird er in eine dunkle Höhle gezogen. Der Einstieg führt durch einen hellen zugewachsenen Pfad in diesen Felsen, der auch ein sehr starker Baum sein könnte. Das hat nichts Bedrohliches, denn hier sammelt sich um das Starke und Felsenfeste das Leichte und Verspielte.
    Man mag fast aufatmen, dass Letz nach dem Tschernobylbild einfach weitergemalt hat, Blüte um Blüte und zu Kompositionen gefunden hat, die ein ästhetisches Eigenleben entfaltet haben.
    Er überlässt sich dabei dem Prozess einer zunehmenden Abstraktion, die das ursprünglich organisch Gedachte zu Bildzeichen werden lässt. Die Zeichen lösen sich auf in eine Fläche, die an einen kosmischen Nebel, eine Milchstraße in fernen Galaxien erinnert, aber auch genauso gut an übrig gebliebenen Schnee, der sich auf einem Acker nach dem Tauwetter noch einmal an Disteln festfriert. Disteln, Sterne, weiße Knallerbsen, die jetzt überall aus dem dunklen Gestrüpp der Hecken hervorstechen, die wir als Kinder begeistert gepflückt und zertreten haben.
    "Es gibt verschiedene Schneisen des Verstehens und der Assoziation", sagt Kentridge, "die in uns aufwallen und darauf warten, auf Bilder, die durch die Welt zu uns gelangen, anzuspringen und ihnen Sinn anzubieten." Und an anderer Stelle: "Es geht nicht um aktive Intelligenz, es geht um eine Kategorie des Erkennens, die die ganze Zeit über da ist und darum kämpft, herauszukommen." Bilder helfen uns dabei.
    Es geht also nicht um eine eindeutige Identifikation von Bildinhalten. Anna und Bernhard Blume haben sich in ihren Fotografien explizit gegen eine "Ästhetik der Dingfestmachung" ausgesprochen. Das sehe ich auch in diesen Bildern, wie überhaupt in allen Bildern von Albrecht Letz. Mag sein, liebe Gäste, dass man sich mit seinen Assoziationen, gerade weil sie immer etwas über die eigene Person aussagt, auf schlüpfrigem Boden befindet, wie jener Knabe im Moor, von dem es aber weiter heißt:
    "Wär'n nicht Schutzengel in seiner Näh,
seine bleichenden Knöchelchen fände spät
ein Gräber im Moorgeschwehle."
    Ist diese fragile und doch majestätische schwarze Blume, die Naturgesetzen zufolge sich gar nicht so hoch aufrichten könnte, ist sie ein solcher Schutzengel, der sich vor die wunderbar zarten rosafarbigen Blütenköpfe stellt? Sind diese hölzernen Formen da unten am Fuße des wilden schwarzen Blütengestrüpps nicht doch Reste von "bleichenden Knochen" von Verirrten und Gestrandeten aus früherer Zeit?
    Nein, das sind Boote, sagt Albrecht Letz ganz entschieden! Es sind unbemannte Boote, die auch auf anderen Bildern zu sehen sind, viele von ihnen nicht mehr manövrierfähig, gestrandet, untergegangen, dem Verfall anheimgegeben. Andere aber behaupten sich noch in oberen Bildhälften, mal wie in Wolken, mal in leichtem Element; einem Boot folgt wie einer Entenmutter ein kleiner Nachkomme, die nächste Generation.
    U-Boote im Himmel, eine Absurdität, denn sie sollen sich doch eigentlich tief im Wasser verbergen. Sie aber durchpflügen Wolkenfelder über einer locker geschichteten Landschaft, die ebenso gut ein Ufer sein könnte an einem aufgewühlten wilden Meer.
 

    Als Zeichen finden wir die Bootsformen auch in dieser 6-teiligen Arbeit, in der die Blütenzeichen aufgegriffen werden und zu winzigen Bäumen werden. Boote, die zu Vögeln werden und sich in den Strömungsschichten des Himmels fortbewegen und damit Bewegung ins Bild bringen.
    Boote schaffen eine Verbindung, sagt Letz, von einem Punkt zum anderen. Sie stehen für Bewegung, sie bahnen Wege. Dem Kontemplativen der floralen Bilder folgt hier die Aktion. Endet jede Aktion in der Vergänglichkeit oder hinterlässt sie Bahnen, d.h. für andere sichtbare Fährten?
    In einem Bild hinterlassen selbst die versunkenen Boote klare helle Spuren, im oberen Teil sind Bahnen noch erhalten, obwohl keine Boote mehr zu sehen sind. Wäre es Wasser, so wären auch solche Spuren vergänglich, noch mitten im Leben, in der Aktion, nicht, weil sie überwuchert werden, sondern weil sich die Wasseroberfläche wieder schließt hinter dem Boot, so wie sich auch die Kondensstreifen am Himmel wieder auflösen. Die große Bewegung der Elemente hat sie aufgenommen.
    Hier im Bild bleiben sie. Festgehalten. Hier wird das Bild, werden überhaupt Bilder zu Spuren, die Albrecht Letz in seinem Leben setzt. "Es hat etwas mit dem Bedürfnis zu tun," sagt Kentridge über das Kunstmachen, "sich selbst zu erkennen, wenn andere Leute das anschauen, was man gemacht hat". "Als fände man seine Existenz in den Reflektionen von Menschen, die diese Spuren betrachten." Und nach Kentrigde wären Albrecht Letz wie "Hänsel, der eine Spur aus Brotkrumen hinterlässt, mit deren Hilfe man nach Hause finden soll."
    Bilder bahnen sich einen Weg in die neuronalen Netze seiner Betrachter und Betrachterinnen, erzeugen neue Synapsen, bringen mit jedem visuellen Eindruck Bewegung in unser überaus komplexes neuronale System.
    Das führt uns zu der dritten Gruppe von Bildern, die in jüngster Zeit entstanden sind. Albrecht Letz überzieht die Oberfläche mit komplexen Netzen, Spuren, die ebenfalls Beziehungen und Verbindungen ausdrücken. Dem Wissen um die Vergänglichkeit steht auch hier das Festhalten, das Sichtbarmachen von Spuren gegenüber.
    So könnte es in der Draufsicht aussehen, wenn alle Spuren, die wir in unserem Leben hinterlassen haben, irgendwo festgehalten und kartiert worden wären, in ihren Verdichtungen, Verirrungen, Sackgassen, Verknüpfungen, Knoten und in Endungen, die in Blüten übergehen. Die zeitliche Dimension läge in den Schichten der Netze, manche sind verblasst, andere stechen hervor, ihre Bedeutsamkeit mag die Stärke des Farbauftrags widerspiegeln. Diese Gitternetze legen sich über organische, aber auch ausgelöscht weiße Farbflächen, verdichten sich an manchen Stellen so stark, dass das Material kaum noch durchscheint.
    Es ist ein großes Thema. Ich muss an Chiharu Shiota denken, die 2015 auf der Biennale in Venedig im japanischen Pavillon eine Installation von großer sinnlicher Wucht gezeigt hat. Zwischen zwei Booten und der Raumdecke waren 50.000 rote Fäden kreuz und quer sehr dicht gespannt, an ihnen hingen alte Schlüssel. Ist Erinnern immer das Betreten eines Gepinstes von unzähligen sich kreuzenden und sich verknüpfenden Ereignissen, Menschen, Situationen, Bildern, aus denen mein ganz persönlicher Schlüssel herausragt? Der Schlüssel, der den Zugang zu mir selbst garantiert, den Weg nach Haus? Schafft Erinnerung, als eine Art von gedanklichen Brotkrumen, erst die Komposition von Spuren?
    Heute haben wir Schrittzähler, die eine Kartierung überflüssig machen, denn Schritte werden als Zahlenkolonnen gespeichert. Sie registrieren jeden Schritt, aber nicht jede Fortwärtsbewegung ist wichtig, sondern nur die aeroben Schritte. Sie entstehen, wenn man mehr als 10 Minuten ohne Unterbrechungen mehr als 60 Schritte in der Minute geht. Das hat nichts mehr zu tun mit dem, was Albrecht Letz so wichtig war zu betonen: mit Bewegung im Sinne von etwas verbinden.
    Die digitale Technologie wirft ihre Netze über unser Leben als User. Sie erstellt virtuelle Kartierungen. Wir sind längst in skandalöser Weise damit konfrontiert, dass das virtuelle Netz nichts vergisst, dass wir auch ungewollt Spuren hinterlassen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Die Möglichkeit, sich in diesem Medium mit anderen zu verbinden, hat unsere reale Welt in ihrer Kommunikation, Wahrnehmung und der Wissensaneignung nachhaltig verändert. Sie hat in Abwesenheit jeder sinnlichen Erfahrung oder gar Wucht eine suggestive Kraft entwickelt, die zerstörerisch wirken kann.
    Virtuelle Netze, Handynetze überwuchern unsere Lebensräume und unseren Alltag, die, wenn man es auf die Bilder von Albrecht Letz beziehen würde, wie eine amorphe Masse noch farbig oder schon ausgelöscht durchscheinen. Was diese sorgfältig gemalten Netze uns aber auch zeigen, ist, dass sie in ihren Wucherungen nicht naturwüchsig entstehen, sondern an jeder Stelle exakt konstruiert und geknüpft werden müssen, damit sie funktionieren.
    "Das Gras auf den Hügeln im Moor vergilbt", heißt es in Krabat, diesem wunderbaren Jugendbuch von Otfried Preußler, "das Heidekraut längst verblüht. Im Gesträuch hingen rote Beeren, spärlich, wie Blutstropfen da und dort. Und zuweilen, von Zweig zu Zweig gespannt, glitzerte silbrig das späte Netz einer Spinne auf."
    Albrecht Letz ist im letzten Jahr von den Blütenbildern zu den Bildtafeln mit den Booten zu den Netzen vagabundiert. Angekommen ist er bei den Bildern, die Sie am Anfang der Ausstellung sehen und die möglicherweise auf ein memento vitae hinweisen: so wie sich beim Gang durch das Moor "mählich der Boden gründet", der Knabe tief aufatmet, so mögen diese großformatigen Blüten, heiter, wenn auch teils auf dunklem Hintergrund, aber sehr nah und greifbar, davon zeugen, dass es beides gibt: Vergänglichkeit und Leben, das sich immer wieder groß in den Vordergrund setzt.
    Danke für diese Bilder, Albrecht Letz und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Copyright Rose-Marie Bohle (www.schreibmeisterei.de)
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