A LB R ECH T   LETZ


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Reinhold Kilbinger: Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Albrecht Letz am 15. November 2012 im Landgericht in Kassel

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
möglicherweise fragen Sie sich mit mir: Welche Beziehung gibt es zwischen der Justiz und der bildenden Kunst, die es nahelegt, Ausstellungen wie diese in den Räumen eines Gerichts zu veranstalten?
 
Dazu braucht es zunächst selbstverständlich Verantwortliche in der jeweiligen Behörde mit einer persönlichen Affinität zur Kunst. Hier haben wir den Präsidenten Dr. Löffler und Herrn Merker, der seit 20 Jahren verantwortlich für all diese Ausstellungen beim Landgericht ist. Aber auch beim benachbarten Amtsgericht und beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel, um nur drei Beispiele in unmittelbarer Umgebung zu nennen, finden Ausstellungen statt.
 
Ich denke, es liegt einfach daran, dass gerichtliche Entscheidungen, also das Standardprodukt der Justiz, nicht selten eine große Nähe zur zeitgenössischen, insbesondere abstrakten Kunst haben. Diese These wird Sie erstaunen; ich will sie kurz begründen: Einem Urteil liegen zunächst einmal strenge formale Regeln zugrunde. Es gibt einen regelhaften „Bildaufbau“. Inhaltlich ist die Entscheidung im Idealfall geprägt von hoher Kreativität, von Einfallsreichtum, von individueller, unabhängiger Definition des Guten, Wahren und Gerechten. Nur leider: Das juristische Kunstwerk ist nicht selten - ein abstraktes. Das Publikum staunt, die Medien berichten. Aber sonst? Oder verstehen Sie abstrakte Kunst? Jetzt wissen Sie, warum wir in diesen Räumlichkeiten die Ausstellung Letz eröffnen.
 
Es ist die 15. Einzelausstellung, die Albrecht Letz seit 1995 hat. Ich denke, da ist die Feststellung gerechtfertigt, dass Albrecht Letz inzwischen zu den arrivierten Künstlern dieser Stadt zu zählen ist. Ich kenne Albrecht Letz seit 1972 und bin seither mit ihm eng befreundet. Die Juristen unter Ihnen werden möglicherweise sofort denken: Aha, befangen.
 
In der Tat könnte diese persönliche Nähe den nötigen kritischen Abstand zu ihm als Künstler, zu seiner Kunst, erschweren oder gar unmöglich machen. Ich glaube aber, dem ist nicht so. Albrecht Letz hat vor etwa 20 Jahren mit der Malerei begonnen. Er wird bestätigen, dass ich seitdem nahezu jedes Kunstwerk, das er als „fertig“ aus seinem Kelleratelier nach oben gebracht hat, als einer der Ersten begutachtet habe und dabei fast so kritisch wie seine Ehefrau war - und bin. Vielleicht ist das bei einer solchen persönlichen Nähe sogar eher möglich.
 
Was ist Albrecht Letz für ein Maler? In welches Regal passt er am besten? Ich glaube, es ist die Schublade, auf der „abstrakter Expressionismus“ steht. Seine Malerei ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, – eine davon finden wir heute hier – von Anfang an abstrakt. Bis in die jüngste Zeit mit Anklängen an die „geometrisierende abstrakte Malerei“ (Malewitsch, Mondrian) oder vielleicht noch mehr an die abstrakte Farbfeldmalerei eines Mark Rothko.
 
Er überlässt dabei nichts dem Zufall. Struktur und Aufbau sind für ihn absolut wichtig. Es gibt bei ihm keinen spontanen Schaffensablauf mit dem Ziel, ein Gemälde frei von rationaler Kontrolle zu schaffen. Es gibt keine „unüberlegte“, unkontrollierte ästhetische Bildaussage. Man kann sich Albrecht Letz nicht vorstellen, wie er möglichst frei von innerer Kontrolle Farbe über eine Leinwand verteilt.
 
Seine Bilder haben bei aller Abstraktion immer wieder gerne einen horizontalen, vertikalen oder manchmal auch diagonalen Aufbau. Mehr oder weniger deutlich erkennbar an der entsprechenden Platzierung von Farbflächen oder Linienstrukturen. Bei seinen allerjüngsten Gemälden, die einen Teil dieser Ausstellung bilden, scheint er sich allerdings von dieser Ordnungsstruktur etwas zu lösen. Ich komme noch darauf zurück.
 
Wenn er sich ans Werk macht, liegt jedem Bild darüber hinaus nahezu immer ein Konzept und nicht selten eine recht konkrete Vorstellung zugrunde. Dieses Konzept, dieses Bild im Kopf, ist aber nichts fest Gefügtes. Beim Malvorgang beginnt im Grunde der eigentliche, konkrete kreative Prozess. Albrecht Letz kommuniziert in jedem Stadium eines Bilde mit dem, was entsteht, und das Bild kommuniziert mit ihm. Dazu passt, dass er seine Bilder schichtweise aufbaut, dass er Teilflächen übermalt, zuspachtelt, abkratzt, wegschleift, erneut übermalt.
 
In diesem Prozess wandelt sich das ursprüngliche rationale Konzept des Bildes in eine emotionale und eher unbewusste Ausdrucksform. Am Ende steht ein auch für Albrecht Letz selbst kaum noch erklärbares abstraktes Gebilde. Er hat etwas malerisch ausgedrückt, was verbal nicht auszudrücken war und ist.
 
Hier passt ein Zitat von Gerhard Richter. Er hat auf die Bitte einer Journalistin, etwas Erklärendes zu seinen Bildern zu sagen, mit den Worten reagiert: „Wenn ich das könnte, wäre ich Schriftsteller geworden“.
 
Der Anstoß, die Idee zu seinen abstrakten Bildern ist bei Albrecht Letz häufig sehr real, aus der Außenwelt kommend. Es können Eindrücke einer Reise sein, der Besuch einer Ausstellung, eines Museums, 2 Tage Biennale in Venedig, ein Foto in der Zeitung, ein rostiges Blechstück, das er bei einer Wanderung als Müll entdeckt, ein Pina-Bausch-Ballett in Wuppertal. Die kreative Verarbeitung dieser Erlebnisse, die ausgelösten Emotionen kommen manchmal erst Wochen später in einem oder einer ganzen Serie von Bildern zum Ausdruck. Und das Ergebnis lässt auch für den Eingeweihten den äußeren Anstoß nicht mehr erkennen.
 

Albrecht Letz hat heute hier an die vierzig Bilder hängen (38). Kein Bild trägt einen Titel! Dies ist eine bewusste Entscheidung des Künstlers. Titel würden Interpretationsfährten legen, ohne das Kunstwerk auch nur ansatzweise zu entschlüsseln. Titel würden der Vielschichtigkeit, der Mehrdimensionaltät des Bildes nicht gerecht; sie würden den Betrachter in seiner eigenen Wahrnehmung möglicherweise einschränken. Und nur die eigene Wahrnehmung und Interpretation des Kunstwerkes durch den Betrachter ist die „richtige“.
 
Über die Bilder, die hier hängen, hat der Künstler die „Herrschaft“ aufgegeben. Sie gehören ihm nicht mehr; sie gehören uns, der Öffentlichkeit, dem Betrachter. (Ich meine das nicht juristisch!) Also ist es Ihre persönliche Aufgabe, dem Bild einen Titel zu geben. Und wenn Sie sich als Betrachter nicht einschränken wollen, dann halten Sie es doch mit dem US-amerikanischen Künstler Frank Stella, übrigens auch ein Vertreter der Farbfeldmalerei. Er hat eine lapidare Bild-Erklärung parat: what you see is what you see.
 
Die Hängung enthält im Wesentlichen drei Phasen aus Albrecht Letz´ Schaffen: Zunächst 10 Bilder aus den Jahren 2008 bis 2010. Helle Bilder, viel Weiß, Grautöne, Schwarz. Die Gemälde, ich glaube, man kann gar nicht Gemälde sagen, sind auf Pressspanplatte aufgebaut. Eine Mischung aus Sand und Acrylfarbe wird aufgespachtelt; die Platte wird sozusagen farbig verputzt. Dann kommen weitere Schichten: Es wird Farbe aufgetragen, es werden Teile abgekratzt, es wird neue Farbe aufgetragen oder es bleiben Teile des Untergrunds, des Verputzes, sichtbar. Wichtig ist: Nichts bleibt glatt oder einheitlich flächig. Es entstehen fast dreidimensionale Gebilde. Die Bilder müssen erforscht werden, eine Nahbetrachtung ist hilfreich, gleichzeitig entsteht nicht selten eine fast plakative Wirkung.
 
Die Bilder werden übrigens in diesem Zeitraum immer abstrakter, Gegenständlichkeit lässt sich hin und wieder noch erahnen; ein geometrischer, konstruktiver Aufbau ist noch sichtbar, aber er verliert sich zunehmend –(Beispiel Pina Bausch – Nelkenbild- ).
 
Als zweite Gruppe sehen Sie sehr farbige, rechteckig längliche Bildtafeln mit einem vielleicht zunächst verstörenden Element; sind es Balken, sind es einfach nur Rechtecke in einem See von Farben? Hier habe ich, wie bei Richtern üblich, wenn sie über Dinge urteilen müssen, von denen sie keine Ahnung haben, eine Sachverständige zu Rate gezogen: Die US-amerikanische Kunstkritikerin Lori Waxman, Teilnehmerin der d13, wie Sie wissen. Sie beschreibt dieses Bild dort wie folgt – ich zitiere auszugsweise:
 
„Dicht mit Acryl und Lack bearbeitete Flächen erinnern an die Oberfläche eines fernen Planeten, den man zum ersten Mal aus der Nähe betrachtet. Wie geht das? Ist die Farbe dünne Oberfläche oder reicht sie bis zum Grund? Antworten auf derlei Grübeleien treten nicht in den Vordergrund, und das ist auch gar nicht nötig, denn eine besondere Nachdrücklichkeit und Kraft wohnt den weißen Balkenlinien inne, die Letz über die pockennarbigen Flächen legt. Gerade oder gebogen verweisen sie als Zeichen auf eine reale Welt, abstrahiert in vorbestimmter Weise: Richtungsvektoren, Straßenmarkierungen, architektonische Strukturen. Die Balkenlinien bei Letz wirken Wunder und es bleibt zu hoffen, dass er auch weiterhin solche platziert oder andere Kontrastmarkierungen als wirkungsvolle Gegenstücke zu seinen absorbierenden Grundflächen setzt“. Dem ist nichts hinzuzufügen!
 
Nehmen wir ein anderes dieser Bilder: Denken Sie sich die Balken bei diesem Bild dort hinten (Bild auf der Einladungskarte) einfach mal weg.
 
Zuletzt möchte ich auf den jüngsten Kreativitätsschub des Künstlers eingehen: Bilder, die im Oktober und noch im November 2012 entstanden sind. Wiederum völlig abstrakte Gemälde, diesmal gänzlich ohne erkennbare geometrische Struktur. Mäandernde Farbflächen in mehreren Schichten, sich teilweise überlagernd. Und nicht nur das. Einige der Bilder sind Übermalungen älterer Gemälde und Letz hat bewusst das Vorgängerbild nicht immer vollständig abgedeckt. Wenn man dies weiß, ist das Betrachten auch eine Reise in die Vergangenheit.
 
Die Bilder sind ganz offensichtlich miteinander verwandt; eines hat das andere angeregt. Die Lust am Malen, der Zwang zum Malen, die Kreativität waren nicht auf einer Bildtafel zu bändigen. Mein subjektiver Eindruck ist, während Albrecht Letz mit einem Bild beschäftigt war, hat das nächste schon an die Tür geklopft.
 
Und damit nicht genug: Wenn Sie Ihren Blick auf dieses Bild (Landschaft) wenden, erleben Sie eine Überraschung: Albrecht Letz hat in dieser aktuellen Phase auch noch bei einem seiner Bilder die Abstraktion aufgegeben! Er malt mal so zwischendurch als Experiment oder warum auch immer eine Landschaft! Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas Derartiges von ihm gesehen zu haben. Eine konkrete Landschaft, mit Straße und Himmel und viel Gegend, flach, ohne Baum, ohne Berg und Tal; und dabei ist er ein Bergfan.
 
Als ich das Bild gesehen habe, war ich sprachlos und bin es eigentlich noch immer. Auf meine Frage, wie bist du denn darauf gekommen?, zuckte er nur mit der Schulter. Und ich glaube ihm, dass er es selbst nicht weiß! Und genau das schätze ich an Albrecht Letz, an den Künstlern, an der Kunst: Es geschieht Unvorhersehbares, Überraschendes, Rätselhaftes, ja Verstörendes und dennoch oder deswegen Faszinierendes, dem man sich immer wieder gerne aussetzt.
 
Viel Vergnügen!