A LB R ECH T   LETZ


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Rose-Marie Bohle: Eröffnungsrede zur Ausstellung von Albrecht Letz im Evangelischen Forum in Kassel im April 2017

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Gäste,
 
"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" - vielleicht kennen Sie diese Radierung von Goya aus dem Jahre 1799. In diesem Blatt legt der Künstler seinen Kopf auf die verschränkten Arme, die wiederum auf einem kubusartigen Tisch ruhen. Über ihm und hinter ihm sieht man Ungeheuer, nächtliche tierische Traumwesen, die auf ihn einzustürzen drohen, manche mit weit aufgerissenen Augen.
 
Man ist sich in der Deutung dieses Blattes bis heute nicht wirklich einig: erleben wir schlimme Dinge, wenn wir unsere wache Vernunft wie das Licht im Schlaf ausschalten? Goya habe sozusagen den Betrachter des Bildes aufgefordert, nicht zu schlafen, sondern wachsam zu sein, denn sonst könne man die Ungeheuer der Ignoranz, des Aberglaubens und des Lasters weder erkennen noch bekämpfen.
 
Oder sollte man, so die andere Interpretation, das spanische Wort "sue?o" statt mit Schlaf besser mit Traum übersetzen? Gemahnt Goya dann in dieser Doppeldeutigkeit daran, dass gerade der Traum einer vollkommenen Vernunft Unheil anrichtet? War es nicht der Traum der Kirche, der klerikalen Autorität zu Goyas Zeiten, Laster, Aberglauben und Abtrünnigkeit durch die Inquisition auszurotten im Namen einer religiösen Vernunft?
 
Es wäre eine Deutung, die heute plausibel erscheint. Der Traum einer Rationalität tobt sich in der technologischen Machbarkeit auf vielen Ebenen menschlichen und kreatürlichen Lebens aus. In industrieller Fleischproduktion, in der maximalen Ausbeutung natürlicher Ressourcen, in effektiven Produktionsabläufen. Und so steht seit Goya die Frage im Raum, ob die Abwesenheit von Vernunft oder der Traum vollkom-mener Rationalität mehr Unheil anrichtet.
 
Meine Damen und Herren, verzeihen Sie mir die drastische Einleitung zu dieser Aus-stellung. Da werden Sie mit einer äußerst sanften Abbildung eines Bildes von Albrecht Letz auf der Einladung hierher gelockt, liebliches Himmelblau, warme Rottöne, Wellengeplätscher, eine verhaltene Reflexion des Lichts am Horizont, und dann sowas! Mit einem traumhaften Bild, in das vorsichtig dunkle Schatten hineinragen. Also doch keine heile Welt?
 
Als Albrecht Letz über seine Bilder sprach, betonte er immer wieder, dass er keine romantische Abendstimmung am Meer malen wollte oder gar liebliche Blumenbilder, keine süßliche Idylle. Aber was will er denn? Stellen wir zunächst klar, dass ein künstlerischer Prozess (wenn er sich nicht in einer Illustration erschöpfen will) nicht vom Willen zu einer klaren Aussage geleitet ist. Vielleicht enttäuscht Sie das jetzt, denn man ist ja leicht versucht zu fragen: Was will der Künstler denn damit sagen? Er will gar nichts sagen, oder wenn er etwas wollte, dann weiß er es nicht oder noch nicht, denn was ihn leitet, ist das Bedürfnis nach einer künstlerischen Gestaltung und Verarbeitung seiner Wahrnehmung von Welt. Man könnte also sagen, im künstlerischen Prozess schläft die Vernunft nicht, sie muss sich aber sehr weit hinten anstellen, damit sich die Intuition entfalten kann. Damit die Kontrolle über das, was da künstlerisch geschieht, immer wieder zurückgestellt wird und einer Irritation, einer Unzufriedenheit und einem erneuten Versuch Platz eingeräumt wird.
 
Und, meine Damen und Herren, das verwundert Sie jetzt vielleicht nicht: Das gilt auch für die Betrachter - je mehr Sie zunächst ihrer Intuition vertrauen, desto stärker kann die Wirkung von Kunst sein. Da merken Sie, dass manche Bilder eine große Anziehungskraft haben, andere lassen Sie völlig gleichgültig. Das hat nichts mit Vernunft zu tun oder mit einem Expertenwissen. Wenn Sie sich dieser Kraft aussetzen, dann kann eine künstlerische Arbeit eine große emotionale Bedeutung bekommen, kann auch Assoziationen hervorbringen und Neugierde wecken, mehr über das Werk wissen zu wollen.
 
Was hat Albrecht Letz selbst dazu erzählt? Als er großformatige Fotos von riesigen Tulpenfeldern sah, die aus der Luft aufgenommen waren und schnurgerade Linien deutlich machten, die wie ein Raster über die weite Landschaft gezogen waren, da war er zunächst einfach nur fasziniert. Was kann diese Faszination ausgelöst haben? Diese beruhigende Ordnung, die Gleichförmigkeit dieser grafischen Struktur, die ja in einem absoluten Gegensatz zu lebendigen Wachstumsprozessen steht? Ja, es ist vernünftig, die Wege in den Tulpenfeldern so anzulegen, dass Traktoren hindurch fahren können, Maschinen, die Tulpenzwiebeln setzen, Düngemittel verteilen, die Blumen abernten, sie zu Verpackungsstationen bringen. Wachstum gebändigt in Arbeitsabläufe, die durch rationelle Produktion einen höheren Gewinn erzielen.
 
Albrecht Letz hat diese Faszination als Geste in mehreren Bildern aufgegriffen. Er hat bereits fertige Bilder genommen, die er mit Kreppband abgeklebt hat, Reihe für Reihe, mal mit gleichen Abständen, dann wieder mit größeren Lücken. Dann hat er die Linien aufgebracht, die meisten in Weiß, nur einige wenige unterbrechen diese Gleichförmigkeit. Er hat über die vormals wuchernde formlose Farbfläche einfach eine Art Gitter gelegt, Jalousien, die Durchblicke erlauben. Es ist in der Reihe der Übermalungen, die Letz in den vergangenen Jahren immer wieder praktiziert, die wohl radikalste, weg vom Malerischen hin zum Grafischen.
 
Auch die Wellenbilder sind Produkte von solchen Übermalungen. Aber sie enthalten noch erzählerische Elemente. Es sind lebendige Streifen, die zum oberen Bildrand oder auch mitten im Bild schmaler werden und so assoziieren wir beinahe unweigerlich Wellen, Meer und Horizont. Da tanzt etwas auf den Wellen, ein ausgesetztes Boot. Albrecht Letz sagte vor geraumer Zeit, dass dieses Bild, wie auch noch andere hier gezeigte, in einer Zeit entstanden ist, als sich Menschen aufmachten, in lebensgefährlichen Booten ihrer Heimat zu entkommen und sich dem Meer ausgesetzt haben. Da tanzt eine Nussschale auf den Wellen. Aber, und das macht ein Bild faszinie-rend, je abstrakter es ist, ich muss nicht an die Flüchtlinge denken, ich kann auch an Moses denken, oder an gar nichts dergleichen.
 
In einem weiteren Wellenbild eine Insel, deren größter Teil unter Wasser ist, Titanic, Costa Concordia, da schwimmen ja noch die Bruchstücke, rotes Blut verteilt sich und Leonardo di Caprio schafft es nicht, seine Geliebte zu retten. So betten wir die Ungeheuer ein in Liebesgeschichten, in ästhetische Meisterwerke, um sie zu bannen. Das Heitere und das Ungeheuerliche liegen so oft ganz eng beieinander. Sie mögen jetzt vielleicht sagen, nein, ich sehe in dem Bild keinen Schiffsuntergang, ich sehe Leichtigkeit, tänzelnde Figuren, vielleicht Fische auf den Wellen, ein wunderbar gegründeter Fels, an dem ich anlanden und mich ausruhen kann. Milchiges Hellblau einer spielerischen Szene.
 
Ja, das ist möglich, es auch so zu sehen. Wenn unsere Vernunftinstanz, die immer alles einordnen und bewerten will, sich auch bei uns mal hinten anstellt, dann findet das, was bislang noch gestaltlos in uns geschlummert hat, hier in einem solchen Bild seinen Ausdruck. So kann ein Bild für den einen Sehnsüchte und für den anderen Ängste offenlegen, von denen er nicht einmal wusste, dass er sie hat. Kunst kann uns mit beidem in Berührung bringen: mit Ungeheuern, aber auch mit den Möglichkeiten unseres Menschseins. Dann gebiert das Ruhen der Vernunft auch Sehnsüchte, Erneuerung und Versöhnung.
 

Gehen wir noch einmal zu den Bildern, die Sie im Eingangsbereich gesehen haben. Wir sehen dunkle unruhige Linien, die zur Mitte schmaler und undeutlicher werden, ein, ich sagte es bereits, ganz normales malerisches Mittel der Perspektiverzeugung. Mein Gehirn und meine Intuition machen daraus Wellen, am Horizont eine bebaute Küste, eine Unwetterfront droht. Auf den Wellen tänzeln wieder schwarze, ja was? Abrecht Letz sagte fast verschämt, das könnten wieder diese kleinen Boote sein. Warum verschämt? Weil er auf keinen Fall eine gegenständliche Zugabe in seinen Bildern machen wolle, erst recht nicht ein Bild über die Flüchtlingsdramatik, das liege ihm fern. Auch wenn man in anderen abstrakten Bildtafeln bei genauem Hinsehen helle Gestalten entdeckt, die einander folgen, Letz hat sie die Ziehenden genannt. Und so könnte man denken, die Boote und die ziehenden Gestalten haben sich durch ihn gemalt, er konnte nicht anders, als sie hinzuzufügen, damit das ganze Bild wahrhaftig und stimmig wird. Der Schlaf des Willens gebiert eine Wahrheit, die ehrlich ist. Hermann van Veen, den man als Liedermacher kennt, der aber auch ein Künstler ist, sagte in einem Interview: "Ich weiß beim Malen nicht, ob ich das Gelb auswähle oder ob das Gelb mich auswählt." Und er fährt fort: "Ich verstehe das oft nicht. Aber da liegt das Abenteuer. Im Nichtverstehen." Es ist ein Abenteuer, das der Künstler dann mit denen teilt, die die Bilder betrachten.
 
Gleich neben dem Bild mit den kleinen Booten hängt ein ruhiges Bild, in dessen Mitte wir zwischen den tektonischen Schichten wieder Wellenlinien entdecken. Deren Farbgebung könnte aber auch auf so etwas wie einen liegenden Baumstamm hinweisen, auf seine gewachsene Rinde. Diese Komposition ist keine Ordnung, die übergestülpt ist, sie erzwingt keine Bändigung von wuchernden Strukturen, sondern geht mit den organischen Prozessen mit. Es ist wie ein Querschnitt durch Erdschichten und dem, was darauf wächst. Die Reise auf dem Meer ist zu Ende, die Ziehenden sind an-gekommen, jetzt kann etwas gebaut werden.
 
Die künstlerische Reise von Albrecht Letz ist natürlich noch nicht zu Ende. Für diejenigen, die es nicht wissen, sei kurz gesagt, dass sie nun schon seit mehr als 20 Jahren andauert. Es begann mit seinen unentwegten Kritzeleien auf einem Stück Papier während seiner Telefongespräche im Dienst. Er, der Mediziner, folgte in seiner Freizeit schließlich seinem Bedürfnis nach künstlerischen Experimenten, unsicher zunächst, ob er das denn zeigen könne, aber ermuntert von Familie und Freunden und den Erfolgen in seinen Ausstellungen. Und man kann wohl sagen, dass er alle immer wieder mit seiner Ausdruckskraft und Experimentierlust überraschte und Jahr für Jahr seine Werke in Ausstellungen präsentierte. Vor 13 Jahren schließlich beendete Letz seine Tätigkeit als Leiter des Gesundheitsamtes in Kassel. Sein neuer Lebensinhalt wurden seine Reisen und Wanderungen, die ihn in alle Welt führten, seine Malerei und natürlich auch seine Enkelkinder. Ab und zu überrascht er uns mit Skulpturen.
 
Viele seiner Bilder erinnern an seine Reisen, wie dieses große klare Norwegenbild, das er vor einigen Jahren gemalt hat. Hier hat er noch die Atmosphäre von Weite und Horizont ganz anders als in den aktuellen Bildern verarbeitet. Es ist nach einem Segeltörn in Norwegen entstanden. Da ist nichts von einer subtilen Bedrohlichkeit. Hier sehen wir flüchtig angedeutete Umrisse eines Segels, mit Graphit nachvollzogene Bewegungen von Wellen und Gischt. Sonst Weite, die Weite des Meeres, die unendlich erscheinen muss, wenn man Tag und Nacht auf einem winzigen Boot zubringt. Im unteren Bildabschnitt dann die Rückkehr auf satte feuchtigkeitsgetränkte schwarze Erde. Es ist schön, dass Albrecht Letz auch dieses Bild zeigt. Denn damit erleben wir den Unterschied: Sein Segelboot war ein sicheres Boot. Dass es anders sein kann, haben erst die aktuellen Ereignisse gezeigt.
 
Lassen Sie mich zum Schluss noch etwas zu den Blumenbildern sagen, die in diesem Raum hängen. Dieses Bild, das so wunderschön daherkommt mit weißen, aufbrechenden Blüten, manche werden von einem Licht gelb gefärbt, hat wieder diese waagerechte Aufteilung. Aber es darf hier jetzt überall wuchern: oben in fedrig leichten Tupfen, unten in linienförmigen Gliederungen. In die Schönheit dieser Szene sickert allmählich das Schwarz des Himmels. Die weißen Blüten halten ihm stand, rotten sich zusammen und lassen das Schwarz nicht bis unten hin durch, da bleibt es hell. Pripiat steht da im Bild - die evakuierte Stadt neben dem ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl - eine Stadt, in der sich die Natur ihren Lebensraum zurückerobert. Und da bricht diese Schönheit, es kommen andere Assoziationen, radioaktiv verseuchte Luft sieht man ja nicht, das Gelb könnte giftige Luft sein, Menschen können dort nicht leben.
 
Aber in diesem verlassenen Gebiet wuchert es wieder, was für ein Gegensatz zur industriellen Blumenproduktion. Hier ist die technologische Rationalität stillgelegt, nachdem sie ihre zerstörerische Kraft nicht mehr unter Kontrolle hatte und ein Ungeheuer hervorgebracht hat. Der Schlaf der technologischen Vernunft gebiert Blüten, auch in dem anderen Bild. Fast trotzig sind dort die Blüten pastös aufgetragen, wild, unkontrolliert, blutrote Blütenköpfe, dazwischen wie verkohlte schwarze Blumen. Eine hat sich dünn und zerbrechlich, aber wie schützend vor die Blütenmeute gestellt. Sie behauptet sich vor einem sumpfigen Hintergrund, der sich bereits aufgehellt hat, leer bleibt für Neues, Unzerstörtes, für den Eingriff des Menschen für lange Zeit aber verschlossen. Diese Bilder scheinen so gar nicht in die Reihe der aktuellen Bilder zu passen. Und doch nehmen sie etwas auf, das es bei Letz schon mal gab. Sie erinnern an ein Bild, das Albrecht Letz vor einigen Jahren malte. Es heißt "Mio sogno", mein Schlaf. Zu sehen waren abstrahierte Schlafmohnblüten in friedlichen Grau- und Pastelltönen.
 
Natura morta - die tote Natur, so der lateinische Name für Stillleben, die uns in Meisterwerken in ihrer großen Lebendigkeit überraschen. Oft enthalten sie ein Zeichen, das an unsere Vergänglichkeit gemahnt. Hier in Pripiat, in diesem Bild, ist es eine zivilisazione morta, eine tote Zivilisation, und gerade deshalb kann die Natur wieder lebendig werden und auf eine faszinierende Weise wuchern.
 
"Wenn die Ratio nicht gebunden ist an das Menschsein, führt sie in den Wahnsinn, in die Zerstörung der Erde", hat Konstantin Wecker letzthin in einem Interview mit der Süddeutschen gesagt. Daraus beziehen viele der aktuellen Bilder von Abrecht Letz diese Kraft, eine Kraft, die entsteht, wenn man sich im künstlerischen Prozess der Wahrnehmung dieser Gefahr nicht entzieht, ohne sie plakativ heraufzubeschwören oder gar belehrend zu wirken. Hier dürfen Schatten da sein, nicht nur als Beigabe des Lichts, sondern als etwas Eigenständiges, das, wenn wir es wie der Künstler in seinen Bildern in unser Leben aufgenommen haben, eine tiefe wahrhaftige Erfahrung sein kann.
 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Copyright Rose-Marie Bohle (www.schreibmeisterei.de)
(www.kunstkehre.de)

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