A LB R ECH T   LETZ


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Reinhold Kilbinger:
Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Albrecht Letz am 30. Oktober 2013 in der Aus- und Weiterbildungsstätte für klinische Verhaltenstherapie in Kassel

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde von Albrecht Letz,
 
wir sind heute hier Teilnehmer der 18. Ausstellung des Künstlers Albrecht Letz seit 1995. In 18 Jahren 18 Ausstellungen. Eine wahrlich beeindruckende Zahl.
 
Ebenso bemerkenswert ist, dass jede dieser Ausstellungen Bilder zeigte, die neu waren, die vorher auf keiner Ausstellung zu sehen waren. Auch heute befinden sich unter den 24 Bildern, die in diesem Geschoss und ein Stockwerk höher hängen, wieder ganz aktuelle Gemälde aus 2013. Es sind insgesamt 11 Bilder, die in diesem Jahr entstanden sind. Sie hängen hier unten. Schon diese Zahlen zeigen, dass wir es hier mit einem sehr produktiven Künstler zu tun haben.
 
Seine Kreativität steht aber keineswegs hinter seiner Produktivität zurück! Diejenigen unter Ihnen, die Albrecht als Künstler schon länger kennen, wissen, wie vielfältig und vielgestaltig seine Werke sind, wie er immer wieder neue Techniken ausprobiert, neue Formen findet, neue Materialien einsetzt und uns am Ende mit neuen Bildern überrascht.
 
Trotz dieser Vielfalt macht es die große Anzahl von Ausstellungen allerdings für mich nicht gerade leichter, Wiederholungen bei der Beschreibung des künstlerischen Schaffens von Albrecht Letz zu vermeiden. Ich bitte daher die „Kenner“ um Nachsicht.
 
Als mich Albrecht Letz bat, heute zur Ausstellungseröffnung ein paar Worte zu sagen, habe ich erst nach einigem Zögern zugesagt. Zögern deswegen, weil es nach meiner Erfahrung schwierig ist, bei einem derartigen Anlass einerseits eine Rede zu halten, die neben den Ausstellungswerken einigermaßen bestehen kann, vielleicht sogar eine „kunstvolle“ Rede ist. Andererseits sollte eine Rede aus solchem Anlass nicht ebenso verschlüsselt, mehrdimensional, geheimnisvoll, vielschichtig, erläuterungsbedürftig sein, wie es eben ein Kunstwerk nach meiner Auffassung sein muss. Denn Kunst ist etwas, das per Definition jenseits unserer Alltagserfahrung liegt, eine andere Realität darstellt.
 
Ich habe also zugesagt und gleichzeitig angekündigt, dass ich jedes Bild erklären werde. Die zweifelnde Reaktion des Künstlers habe ich dann noch mit dem Satz kommentiert, das könne nicht so schwer sein, denn es seien ja nur Farben zu sehen. Und es stimmt. Albrecht Letz präsentiert uns heute hier, mehr noch als in der Vergangenheit, expressive Farbigkeit. Dabei beobachte ich eine weiterentwickelte Abstraktion.
 
Albrecht war schon immer abstrakt. Allerdings es war eher eine „geometrisierende abstrakte Malerei“ oder vielleicht noch mehr eine abstrakte Farbfeldmalerei. Nicht von ungefähr begeistert ihn Mark Rothko. Ich habe bei der Ausstellungseröffnung im Landgericht schon darauf hingewiesen. Damals war dies der aktuelle Stand. Heute gibt es eine Weiterentwicklung.
 
Auf seine früheren Techniken mit Sand/ Farbmischungen, eingebauten Fundstücken aus verrostetem Schrott, gespachtelten Schichten, Bleieinlassungen usw. will ich hier nicht näher eingehen. Ich habe auf seine vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen schon oben hingewiesen.
 
Seine Kunst war schon immer abstrakt, wie ich eben sagte. Aber seine Abstraktionen regten häufig dazu an, Gegenständliches zu sehen. Es ging und geht mir selbst so; aber nicht nur mir. Man findet in den Bildern bis 2012 immer wieder reale Formen (besser: man meint sie zu finden). Körper, Köpfe, Schlangen oder andere Tiere, Wolken, Bäume, Berge, ja sogar Gewehrsalven. Albrecht war in der Regel doch sehr erstaunt, was da alles zum Vorschein kam. Künstlerschicksal. Kunst entsteht im Auge des Betrachters. Da kann der Künstler sich noch soviel Mühe geben.
 
Albrecht Letz beschreibt die Entstehung seiner Bilder auf seiner Internetseite folgendermaßen: „sagen wir besser der Vorgang ist halbbewusst. Die Impulse werden teilweise von außen ausgelöst, z.B. durch eine Abbildung in einer Zeitschrift, den Besuch einer Ausstellung oder eines Museums. Danach beginnt die eigentliche bewusst gestalterische Arbeit: Form, Farbe, Materialien, Bildaufteilung usw. Im Prinzip gehören meine Bilder zur abstrakten Malerei“.
 
Hierzu muss ich zwei Dinge sagen: „Im Prinzip“ klingt nach Einschränkung. Das mag für ältere Bilder hin und wieder zutreffen. Für die Bilder aus 2013, die hier unten hängen, ist eine derartige Einschränkung nicht mehr gerechtfertigt. Und soweit es um die äußeren Impulse geht: Auch hier trifft dies - jedenfalls für die Bilder aus dem Jahr 2013 - nicht zu. Sie sind ohne derartige Anregungen entstanden.
 

Als ich nach der Hängung der Bilder durch diese Räume gegangen bin, fiel mir eine neulich gelesene oder gehörte Definition zur abstrakten Kunst ein, die für mich zu den aktuellen Bildern dieses Künstlers passt: „Die Abstraktion ist eine nichtdarstellende Kunst, bei der Form, Linie und Farbe das Gemälde auf ähnliche Weise definieren wie musikalische Noten eine Sinfonie“.
 
Albrecht Letz zeigt sich uns hier als Farbkomponist. Seinen aktuellen Bildern mag eine recht konkrete Vorstellung zugrundeliegen. Ich verweise auf das obige Zitat aus seiner Internetseite. Vielleicht sogar schon ein Bild im Kopf. Dieses Bild ist aber nur der Anlass, die Motivation, in den Keller zu gehen und die Farben zu mischen. Jetzt erst beginnt im Grunde der eigentliche, kreative Prozess. Die Noten werden auf der Leinwand verteilt, das Ergebnis wird Stück für Stück betrachtet, verändert, neu gemischt, wieder gelöscht bzw. übermalt. Albrecht kommuniziert in jedem Stadium eines Bilde mit dem, was entsteht, und das Bild kommuniziert mit ihm. In diesem Prozess wandelt sich das ursprüngliche vielleicht rationale Konzept des Bildes in eine emotionale und eher unbewusste Ausdrucksform. Es entsteht eine andere Realität, nicht mit den Mitteln unserer üblichen und erlernten Erfahrungs- und Wissenstechniken begreifbar, erfassbar, verstehbar. Am Ende ist ein auch für den Künstler selbst kaum noch erklärbares abstraktes Gebilde entstanden. Er hat etwas malerisch ausgedrückt, was verbal nicht auszudrücken war und ist.
 
Deswegen sind Fragen an den Künstler zu seinem Werk gänzlich sinnlos. Jedenfalls Fragen, die über den konkreten Herstellungsprozess des Bildes hinausgehen. Was mache ich, was machen wir denn nun mit seinen Bildern, mit dieser Kunst?
 
An dieser Stelle will ich noch einmal auf die in Notenabläufen dargestellte Sinfonie zurückkommen. Wenn ich in ein Konzert gehe, ist für mich das Hören der Musik der eigentliche Zweck der Veranstaltung. Ich sitze zwar auch gerne in einer Einführung, um Hintergrundinformationen zum Stück zu hören, zu seiner musikgeschichtlichen Einordnung, zu eventuellen Äußerungen des Komponisten zu seinem Werk und so weiter und so fort. All dies fördert im Wesentlichen aber nur meine Allgemeinbildung. Für die hörende Aneignung des Werkes sind diese Informationen in der Regel eher ohne Belang. Wichtig ist, was die Musik „mit mir macht“.
 
Meine Herangehensweise an Albrechts Kompositionen ist vergleichbar. Die Hintergrundinformationen habe ich. Ich weiß, wann und wie die Bilder entstanden sind, ich kenne vielleicht sogar den äußeren Anlass, ich kann sie in den Werkzusammenhang des Künstlers stellen, ich kann sie mit seinen oder auch anderen Bildern vergleichen. Dies alles erklärt aber weder die Wirkung des Bildes auf mich noch gelingt es mir allein durch dieses Wissen einen Standpunkt zu dieser konkreten künstlerischen Äußerung zu finden. Wenn ich über die Bewertung, „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“, hinauskommen will, muss ich das Bild auf mich wirken lassen, ich muss mir die Frage stellen, was macht dieses Bild mit mir? Ich muss zulassen, wie die Farben und Farbflächen eine eher emotionale und unbewusste Wirkung entfalten. Es beginnt eine innere Zwiesprache mit dem Bild. Spannung entsteht. Irritation kann sich aufbauen. Warum befindet sich dort dieser Farbfleck? Was soll der Balken? Was stört hier mein Harmoniebedürfnis? Warum spricht mich dieses Bild an und das andere nicht?
 
Ich hoffe, man versteht in diesen Räumlichkeiten, wovon ich spreche?! Kurz: Es passiert genau das, was ich von Kunst erwarte: Das Bild gibt mir Gelegenheit zu einer ästhetischen Erfahrung. Zu einer intellektuellen und sinnlichen Auseinandersetzung. Es macht mir Freude, es regt mich an oder auch auf! Ich setze es bewusst oder unbewusst in Beziehung zu den Bilderwelten in mir. In dem einen oder anderen Fall setzt es sich sogar in mir fest und es ist noch da, wenn ich die Ausstellung längst verlassen habe und beeinflusst meine Stimmung, mein Befinden.
 
Selbstverständlich gibt es auch die gegenteilige Erfahrung. Das Bild „sagt mir nichts“. Ich bleibe ratlos oder eher desinteressiert. Ich habe es schon vergessen, wenn ich den nächsten Raum betrete. Dies sagt nichts aus zur künstlerischen Qualität des Bildes, jedenfalls nicht grundsätzlich. Ein zweiter Durchgang an einem anderen Tag kann zu einer völlig anderen Reaktion führen.
 
Warum erzähle ich Ihnen all dies? Ich habe angekündigt oder angedroht, alle heute hier ausgestellten Bilder zu erklären. Wenn ich aber das bisher Gesagte ernst nehme, kann ich Ihnen nur etwas über mich, meine ganz persönlichen Gedanken und Gefühle schildern. Wenn ich dies bei allen Bildern täte, stünde ich wahrscheinlich aber bald alleine hier. Und deswegen war es meine Absicht, Sie einfach nur neugierig zu machen, Sie zu animieren, sich der Letzschen Bilderwelt zu nähern und die Musik dieser Bilder auf sich wirken zu lassen.
 
Viel Vergnügen! (Kassel, 31.10.2013)